Dissertation
Harbusch, Gregor
 



Als Ludwig Leo (geboren 1924 in Rostock) im Jahr 1954 sein Architekturstudium in West-Berlin beendete, war er bereits einmal zur CIAM eingeladen worden. Denn im Vorjahr war er – zusammen mit Hubert Hoffmann und den gleichaltrigen Kollegen Hans C. Müller, Stefan Wewerka und Hardt-Waltherr Hämer – in Aix-en-Provence gewesen, wo die Architekten im Rahmen des Kongressthemas Habitat ihre als Selbsthilfeprojekt konzipierten Umbauten für das Studentendorf in Berlin-Eichkamp präsentierten. In den folgenden Jahren war Leo bei den Brüdern Luckhardt, Paul Baumgarten, Sergius Ruegenberg und O.M. Ungers tätig, um schliesslich 1958 mit einem Kindergarten in Berlin-Charlottenburg, dessen freie Zusammensetzung aus Kuben an den frühen Strukturalismus Aldo van Eycks denken lässt, seinen ersten eigenen Bau verantwortete. Es folgten ein Einfamilienhaus in Bakede (1958) und die Zusammenarbeit mit Hans C. Müller und Georg Heinrichs für die Wohnbauten des Studentendorfs Eichkamp (1959), ein Beitrag zum damals hoch politisierten Thema des studentischen Wohnens, welcher der Idee des Minimalgrundrisses der Zwischenkriegszeit verpflichtet ist. Im Anschluss daran gewann Leo den Wettbewerb für den damals grössten Neubau einer Sporthalle in West-Berlin und realisierte einen brutalistisch orientierten, konstruktiv herausragenden und intelligent in die Topographie eingebetteten Bau (Sporthalle Berlin-Charlottenburg, 1960–1965). Daneben entstanden eine Wohnbebauung in strenger Grossplattenästhetik und mehrere Versorgungseinrichtungen in der Berliner Stadterweiterung Märkisches Viertel (ab 1962). Zu dieser Zeit war Leo ausserdem als Assistent am Lehrstuhl von Ungers an der TU Berlin tätig.

1967 begann der Entwurfsprozess der beiden wichtigsten und bekanntesten Bauten – dem Umlauftank in Berlin-Tiergarten und der Zentrale der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) in Berlin-Spandau. Der Umlauftank ist eine Versuchsanlage für Schiffsmodelle in einem stetigen Wasserstrom und setzt sich zusammen aus einer vertikal aufgestellten rosafarbenen Rohrschleife mit bis zu sechs Metern Durchmesser, auf der eine viergeschossige blaue Laborhalle aufsitzt. Der Baukörper der DLRG-Zentrale ist ein im Aufriss dreieckiger Keil dessen Schräge ein Bootslager aufnimmt, das über einen in die Fassade integrierten Aufzug erschlossen wird. Darüber hinaus befindet sich eine komprimiert organisierte Vielzahl von Funktionen in dem Bau. In den beiden formal exzeptionellen Bauten wurden konzeptuelle Momente des russischen Konstruktivismus, Prinzipien neo-rationalistische Fassadengestaltung, brutalistische Materialbehandlung und Aspekte der Pop-Architektur synthetisiert, im Fall der DLRG-Zentrale getragen von einer Konzeption die auf gemeinsames Arbeiten, Wohnen und Lernen der Nutzer im Sinne einer Schiffsmannschaft zielt, was durch die Innenraumorganisation zu erreichen versucht wurde.

Die beiden Bauten markieren das Ende von Leos Bautätigkeit. Auf Grund seiner Kompromisslosigkeit in architektonischen Fragen gegenüber den Bauherren scheiterten in den folgenden Jahren auch alle Realisierungen gewonnener Wettbewerbe, etwa sein wichtiger Entwurf für die Laborschule Bielefeld zusammen mit dem Planungskollektiv Nr. 1 (1971). Von 1975-82 hatte er eine Professur für Bauplanung an der Hochschule der Künste in Berlin, die er schliesslich aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Sein letzter Beitrag zum Architekturgeschehen war ein Entwurf für den Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin im Jahr 1993.

Die Dissertation nimmt die wenigen realisierten, formal höchst unterschiedlichen Bauten zum Ausgangspunkt ausführlicher Detailanalysen und untersucht im Anschluss die knapp 40 unrealisierten Projekte, um in einem dritten Schritt eine umfassende Theorie der Entwurfsarbeit Leos zu versuchen und diesen als politisch und sozial engagierten, konzeptionell orientierten Architekten der deutschen Nachkriegsarchitektur zu diskutieren, der auf individualistische Art am Projekt des Funktionalismus weitergearbeitet hat. Da es nur sehr wenige akademische Vorarbeiten gibt, setzt die Arbeit bei den Primärquellen an. Sie kann auf ausführliche Gespräche mit Leo und einer grossen Zahl seiner Weggenossen aufbauen und arbeitet ausserdem den Vorlass des Architekten im Baukunst-Archiv der Akademie der Künste in Berlin auf. Das politische und gesellschaftliche Umfeld in West-Berlin, die dortige Architekturszene und der internationale Architekturdiskurs der Zeit bilden den Kontext für die Untersuchung der Einzelposition Ludwig Leo.

Gefördert durch ein Promotionsstipendium der Gerda Henkel Stiftung in Düsseldorf.

Laufzeit: laufend (seit 2009)

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Gregor Harbusch