Dissertation
Keller, Patrizia (Dissertation an der Universität Zürich, Kunsthistorisches Institut)
 

Formation und Pluralisierung staatlicher und nicht-staatlicher Kunstförderung in der Schweiz seit 1980: Wandel von Zugangsbedingungen, Märkten und symbolischer Wertproduktion



Prof. Dr. Philip Ursprung, Prof. Dr. Jakob Tanner, Laufzeit 2010-2013

Die Schweizer Kulturpolitik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch einen in den 1950er Jahren einsetzenden Pluralisierungsprozess, der das Spannungsfeld von Kunst und Nation massgeblich beeinflusst hat. Förderungskriterien und -strategien für Kunst und Künstler werden sowohl durch staatliche als auch nicht-staatliche Akteure stets neu ausgehandelt. Damit verschieben sich Deutungshoheiten und es verändern sich die Bedingungen für die symbolische Wertproduktion. Die dadurch ausgelösten Kontroversen um die Definition einer nationalen Kultur und um die internationalen Geltungskriterien von Kunst werden in meinem Forschungsprojekt im Zeitraum von 1980 bis zur Gegenwart untersucht. Der Fokus liegt auf dem Bereich der bildenden Kunst, die eine bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zurückreichende Förderungstradition aufweist. Die Übersichtlichkeit, die die schweizerische Kunstproduktion in ihrer Formationsphase charakterisierte, wich einer Fragmentierung, welche die Förderpolitik herausforderte. Die oft widersprüchlichen Bewertungsvorgänge im Kunstbereich lösten sich in jenem Moment von der staatlichen Förderpolitik, als diese zunehmend besser ausgestattet und professionalisiert wurde.
In meinem Teilprojekt konzentriere ich mich auf die Zeitspanne zwischen den 1980er Jahren und heute. Ansatzpunkt bildet die Beteiligung der Schweiz an der Kunstbiennale von Venedig. Der Auftritt an der Biennale Venedig dokumentiert beispielhaft die 'offizielle' Schweizer Kunst, die der Bund unterstützt, im Ausland propagiert und insofern als 'gute' Kunst deklariert. Dabei zeigt sich das komplexe Verhältnis zwischen Staat und Kunst bzw. Politik und Kunst. Gleichzeitig werden Fragen nach der repräsentativen Funktion von Kunst aufgeworfen. Ausgehend von der EKK bzw. dem BAK als exemplarische, nationalstaatliche Förderinstanz wird anhand einer Reihe von exemplarischen Fällen das Zusammenspiel sowie das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen kulturpolitischen Akteuren untersucht. Als solche gelten die staatlichen Institutionen (BAK, EKK, Pro Helvetia, Museen, kommunale und kantonale Behörden), der Kunstmarkt (Sammler, Galerien, Kunstmessen, Auktionshäuser), die Medien (Fachkritik in Kulturfeuilletons, Tageszeitungen, TV), Kuratoren und Kunstkritiker sowie Politiker. Dabei geht es um die Bedeutung der unterschiedlichen Förderinstanzen für den Kunstschaffenden von heute – als Selbstvermarkter und Globel-Player – und um die Relevanz, welche hierbei beispielsweise den Verkaufsmessen (Art Basel etc.) zukommt. Das Projekt hat den Vorteil, unmittelbar am Geschehen teilzuhaben. Im Rahmen der Umstrukturierungen bezüglich der Zuständigkeit von BAK und Pro Helvetia werden beispielsweise die Biennalebeschickung sowie die Nachwuchsförderung an Pro Helvetia übergeben. Das neue Kulturförderungsgesetz stellt insofern eine wichtige Zäsur innerhalb der staatlichen Kunstförderung dar.

Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt: Wer entscheidet, was 'gute' und förderungswürdige Kunst ist; nach welchen Kriterien wird beurteilt; wo und zu welchem Zeitpunkt setzt die Förderung an? Welche unterschiedlichen Bewertungsvorgänge und Motivationen entstehen im Vergleich zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren im Kunstbereich? Präsentiert sich das Zusammenspiel der unterschiedlichen Förderer komplementär oder konkurrierend? Welche Deutungshoheit haben Kuratoren, Kunstkritiker, und welche Rolle spielen die Massenmedien in der Präsentation von Kunst in der Öffentlichkeit? Welchen Einfluss auf die Kunst hat die Tatsache, dass staatliche Kunstförderung subsidiär funktioniert? Wie verfährt nun die nicht-staatliche Kunstförderung im Hinblick auf die Umverteilung der Mittel?

Nebst den Archivbeständen staatlicher Institutionen wie der Pro Helvetia, der EKK und des BAK, werden zusätzlich Quellen privater Stiftungen und Galerien sowie der Art Basel berücksichtigt. Weiter werden im Sinne einer Oral History Interviews mit (ehemaligen) EKK-Mitgliedern, staatlich/nicht-staatlich geförderten Kunstschaffenden und den dafür verantwortlichen Stellen geführt. In theoretischer Hinsicht basiert die Arbeit auf (kunst-)historischen und kultursoziologischen Ansätzen – hierbei insbesondere auf Pierre Bourdieus Ausführungen zum kulturellen Feld und den verschiedenen Kapitalsorten. Diese werden mit Blick auf ökonomische Theorien kritisch evaluiert.

Durch die Frage nach den Akteursgruppen und Aushandlungsprozessen im Schweizer Kunstbetrieb verspricht das Projekt Aufschluss darüber zu geben, wie in der Schweiz Kunst produziert, bewertet, gefördert, gehandelt und im nationalen Rahmen sowie in transnationalen Zusammenhängen symbolisch valorisiert wurde und wird. In politisch-gesellschaftlicher Hinsicht ermöglicht es die Vermittlung von Einsichten, die für die gegenwärtigen oft schwierig zu überblickenden Suchbewegungen im Bereich der Kunst- und Kulturförderung von Interesse sein können.

Das Projekt wird durch den Schweizerischen Nationalfonds finanziert und von Prof. Dr. Philip Ursprung und Prof. Dr. Jakob Tanner (Forschungsstelle für schweizerische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich) betreut.

Weiterführende Informationen

Link zum SNF-Forschungsprojekt