Forschungsprojekt
Werner Oechslin, Hardy Happle
 

"Auer Lehrgänge" ist die Bezeichnung der zwei 1948 in Au im Bregenzerwald wieder aufgefundenen, handgezeichneten Architekturbücher. Die Linie ihrer Besitzer lässt sich bis ins frühe 18.Jahrhundert zurückverfolgen, was ihre besondere Bedeutung unterstreicht, nämlich ihre Einbettung in den konkreten geschichtlichen Kontext. Die unterschiedlichen Hände der Zeichner lassen sich zwar nicht endgültig bestimmen, aber das Umfeld ist unbestritten der Ursprungs- und Ausbildungsort der sogenannten Vorarlberger Barockbaumeister; und der Zeitpunkt der Abfassung fällt wohl mit der bedeutendsten Bautätigkeit der Vorarlberger Baumeister zusammen. Bruder Caspar Moosbrugger und Franz Beer sind beide in diesem Zusammenhang genannt worden; ihr direkter oder indirekter Einfluss gilt als sicher.

Sammelwerke von Zeichnungen nach gedruckten und anderen architektonischen Vorlagen sind keine absolute Rarität. Auch die Auer Lehrgänge bilden beide gleichsam routinemässig das bekannteste Architekturwerk der Säulenordnungen nach Vignola ab. Zeitgemäss ist auch Andrea Pozzos Perspektivtraktat als Vorlage benutzt worden. Es finden sich aber zugleich - angepasste und zurechtgestutzte - Kopien nach Stichen römischer Paläste; andernorts (in Luzern) sind Durchzeichnungen von Stichen römischer Kirchenfassaden und nach dem dem Kirchenbau gewidmeten fünften Buch von Serlio erhalten. Ihr Zusammenhang mit der Planung für Einsiedeln und der dort geforderten 'modernen', repräsentativen Fassade ist evident. Man war damals mehr als je zuvor bemüht, Vorlagen im Sinne einer Grundlehre der Architektur, aber auch als Modelle für eine damaligen Bedürfnissen gerechtwerdenden, gehobenen Architektur zu finden. Mit den prominenteren Bauaufgaben wuchsen auch die Bedürfnisse einer die 'blosse' Baukunst erweiternden, repräsentativen Architektur mit Fassaden und Ornamenten nach italienischem oder französischem Geschmack. Der üblichen Berufslehre wurden damals die künstlerischen Bedürfnisse hinzugesetzt.

Zweifellos wurden die Auer Lehrgänge als Hilfsmittel der Ausbildung angelegt. Dass diese im engen Familienverband und im Rahmen eines geordneten Zunftwesens erfolgte, zeigt sich daran, dass nebst den üblichen Vorlagen auch solche nach einzelnen Projekten abgezeichnet wurden, die im Umkreis der Vorarlberger Barockbaumeister entworfen und entwickelt wurden. Diesen kommt die Bedeutung von "exempla", von mustergültigen, die tägliche Arbeit begleitenden Beispielen. Daraus ist ersichtlich, wie die Heranführung der jungen Familienmitglieder zum Bauhandwerk begleitet wurde: auf der Basis der üblichen (anderweitig gedruckten) Bücher, aber auch insbesondere aufbauend auf der eigenen Erfahrung und Praxis. Reflexe der Bautätigkeit der erfolgreichsten Familienmitglieder finden sich so in den 'zuhause' zusammengestellten Unterlagen zuhanden der Ausbildung des beruflichen Nachwuchses.

Für all dies und für die Rückkoppelung der Bautätigkeit an die Ausbildung im heimischen Bregenzerwald sorgte die Auer Zunft, die letztlich an die mittelalterliche Bauhüttentradition anschliesst. Seit den 1650er Jahren ist die Verleihung verbindlicher Berufsausweise bekannt. Es gibt die 'Ledigsprechung' und eine verbindliche Steinmetzen- und Maurerverordnung. 1707 wurde die Auer Zunft in die Hauptlade Innsbruck aufgenommen, was unterstreicht, dass man an einer funktionierenden Institution, an verbindlichen Formen von Arbeitsregelung, an klarer Festlegung von Zuständigkeiten und deren rechtlichen Absicherungen interessiert war.

Zu dieser im Rahmen der Auer Zunft geordneten Berufsausbildung passen nun die Auer Lehrgänge. Sie dokumentieren, wie geartet und weitreichend die 'theoretische' Grundlegung der Praxis damals wohl war. Die Orientierung an den wenigen unverzichtbaren Grundlagen und Prinzipien sowie deren gezielte Auswahl und andererseits die Aufnahme von konkreten Projekten und Bauten lassen erkennen, dass der Praxisbezug, die Vorbereitung auf eine selbständige und selbstverantwortete Bautätigkeit im Vordergrund stand. Man kann deshalb von einer 'Theorie der Praxis', einer präzis auf die Praxis abgestimmten 'Theorie' sprechen. Und man erinnert sich an die Argumente zugunsten einer "wirklichen Baupraktik", mit der 1780 Lukas Voch jene Bautätigkeit meinte, die von der Materialkenntnis ausgehend die Erstellung von Gebäuden "von Grunde an bis unter das Dach", also die alles umfassende Bautätigkeit - im Gegensatz zu einer damals längst propagierten baukünstlerischen Ausrichtung oder gar Beschränkung auf blosse "facciate" - bezeichnet. Die Wechselwirkung von Baumeister und Architekt, von Handwerk und Kunst war schon damals ein Thema und der alles vereinigende 'Baukünstler' auch unter den Vorarlbergern Barockbaumeistern ein neuartiges und gleichermassen erstrebenswertes Profil.

W.Oe.


Laufzeit: 2005-2007