Forschungsprojekt und Dissertation
Elke Beyer
Stadtzentrumsplanungen der 1960er Jahre in der UdSSR sollten Flaggschiffe des real existierenden Sozialismus im Zeitalter der wissenschaftlich-technologischen Revolution bilden. Anhand des Architektur- und Planungsdiskurses und an Planungsbeispielen untersucht diese Arbeit, wie neue gesellschaftlichen Zentren als physische und als soziale Räume hergestellt werden sollten und welche Vorstellungen von Zentralität, Urbanität und Modernität ihnen eingeschrieben wurden. Der rückschauende Vergleich zielt einerseits auf eine Einordnung in den internationalen Kontext der Nachkriegsmoderne und andererseits darauf, den Umgang mit dem materiellen und kulturellen Erbe der realsozialistischen Stadträume unter kapitalistischen Bedingungen zu hinterfragen. Als Beispiele dienen Planungen und Realisierunge neuer gesellschaftlicher Zentren u.a. in Moskau, Zelenograd, Ul'janovsk, Taschkent, Togliatti.
Laufzeit: laufend (seit 2008)
Forschungsvorhaben
In meiner Dissertation untersuche ich, wie in den späten 1950er und 1960er Jahren in der Sowjetunion zentrale städtische Räume hergestellt wurden – von Konzeption und Planung über Bau und Nutzung bis hin zu ihrer medialen Repräsentation. Die übergeordnete Fragestellung richtet sich darauf, mit welchen Vorstellungen, Programmen und Prozessen gesellschaftlicher Modernisierung die urbanistischen Konzepte in den 1960er Jahren verbunden waren. Der zeitliche Rahmen der Untersuchung reicht vom „Tauwetter“ und der „Wende im Bauwesen“ in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre bis in die Mitte der 1970er Jahre, als sich die Ambitionen zum Bau kommunistischer Städte immer deutlicher in der pragmatischen massenhaften Bereitstellung von standardisierten Wohnbauten verliefen.
Die planerische und politische Aufmerksamkeit richtete sich in diesen „langen“ 1960er Jahren neben der Industrialisierung des Wohnungsbaus stark auf die Konzeption gesellschaftlicher Zentren. Die Planer und Planerinnen agierten im Spannungsfeld zwischen einer rapiden Verstädterung und dem Streben nach einer gesteuerten urbanistischen Dekonzentration. Durch die Herstellung eines gestuften Systems von Zentren suchte man eine räumliche und sozioökonomische Struktur zu schaffen, die den demografischen und wirtschaftlichen Entwicklungen gerecht wurde. Ein logistisches Modell zur Herstellung von Urbanität wurde entwickelt, das in den folgenden Jahrzehnten die Theorie und Praxis der Stadtplanung in den staatssozialistischen Ländern Osteuropas bestimmte: Stadt und Region
als funktionale Systeme der Produktion und der Reproduktion, strukturiert durch Knotenpunkte des Verkehrs, der Versorgung und der Betreuung, die als soziale Zentren dienen sollten.
Die Neuansätze in Architektur und Städtebau des Stadtzentrums wurden in dieser Zeit in der UdSSR in zahlreichen theoretischen Beiträgen und über 50 Wettbewerben verhandelt und durch exemplarische Bauvorhaben umgesetzt. Für die architektonische Ausformulierung der Zentren galt weiterhin der Begriff „Ensemble“ als Leitbild, doch trat eine moderne Interpretation an die Stelle einer eklektisch-neoklassizistischen. Auf der Grundlage eines modularen Rasters wurden die Zentren im Hinblick auf Flexibilität und Erweiterbarkeit geplant. In diesen Stadträumen wurde „sozialistische Zentralität“ nicht mehr allein politisch, sondern „im Sinne komplexer gesellschaftlicher Zentralität“ gedacht und inszeniert, wie Bruno Flierl dies für die DDR treffend formuliert hat. Bauten für die Freizeit, Dienstleistungen und Konsum erhielten einen höheren Stellenwert gegenüber der Verortung politischer Institutionen. Als herausragendes Merkmal des sozialistischen Stadtzentrums galt eine funktional und gesellschaftspolitisch begründete Gesamtkonzeption von Programm und Gestaltung. Durch Gesellschaftsbauten und Freiflächen sollten komplexe öffentlich
zugängliche Räume geschaffen und ihnen durch mächtige Verkehrsinfrastrukturen, moderne Technik in Bau und Ausstattung und zahlreiche Symbole einer neuen Zeit auf allen Ebenen sozialer Fortschritt eingeschrieben werden.
Mit der Neufassung einer sozialistischen bzw. kommunistischen Konzeption von Stadtraum und Architektur nach dem Tod Stalins nehme ich auch die damit einhergehende Auseinandersetzung mit der internationalen architektonischen und städtebaulichen Moderne der Zwischenkriegszeit und der Nachkriegszeit in den Blick. Denn während das sowjetische Projekt der Produktion von Raum mit universellem Anspruch einerseits eine Neubewertung und Wiederaneignung funktionalistischer und konstruktivistischer Positionen aus den 1920er Jahren beinhaltete, fand gleichzeitig auch eine intensive Auseinandersetzung mit der Theorie und Praxis der Planung in den kapitalistischen Ländern statt. Nachdem Nikita Chruščev 1955 zum Lernen vom kapitalistischen Ausland aufgerufen hatte, war rasch ein sachliches Interesse an die Stelle der fast hysterischen Diskreditierung der frühen 1950ern getreten. Die sowjetische Fachpresse zu Städtebau und Architektur rezipierte aufmerksam internationale Diskussionen zur Gestaltung und Organisation gesellschaftlicher Zentren – über Shopping Malls, New Towns und neue Kultur- und Geschäftszentren, über Mobilität und Verkehrsplanung, über die Expressivität und Lesbarkeit von Architektur und Raum. Gesellschaftliche
Entwicklungen wie die Tertiärisierung des Stadtzentrums und Nutzungsutopien von (Auto-) Mobilität und individueller konsumorientierter Freizeitgestaltung fanden Eingang in die urbanistische Reflektion und die daraus hervorgehende Praxis. Für die planenden Professionen in der UdSSR galt es, diese eigentlich dem Kapitalismus zugeschriebenen Erscheinungen in die Theorie und Praxis einer sozialistischen Stadtentwicklung zu integrieren, ohne dass die Abgrenzung zwischen den Lagern an Trennschärfe verlor.
Daher geht meine Forschung von zwei miteinander verknüpften Thesen aus:
1. Die Debatte um das gesellschaftliche Zentrum der Stadt bringt zum Ausdruck, wie in den
1960er Jahren sowjetische Architekten und Planer zum letzten Mal ernsthaft ein
umfassendes und allgemein gültiges Stadtmodell für eine kommunistische Zukunft zu
entwerfen suchen, obwohl sie sich ihrer eingeschränkten Möglichkeiten im real existierenden
Staatssozialismus schmerzlich bewusst waren.
2. Bei dieser Suche wurden international diskutierte Konzepte von Urbanität und Zentralität
integriert, also von einem systemübergreifend gültigen urbanistischen Wissen ausgegangen.
So formierte sich in diesem Zeitraum innerhalb der kontrollierten Institutionenlandschaft des
sowjetischen Bauwesens gleichzeitig die Vorstellung der Zugehörigkeit zu einer
internationalen Expertengemeinschaft.
Vorgehensweise
Mein Vorhaben zielt darauf, eine komplexe Geschichte der Aushandlung und des Transfers
urbanistischer Konzepte zu schreiben. Vom Ansatz her handelt es sich um ein kulturgeschichtliches
Forschungsvorhaben dazu, wie gesellschaftspolitische Anliegen und Kulturtechniken räumlicher Gestaltung – die Disziplinen Architektur und Städtebau – in einer bestimmten historischen Situation in Diskurs und Praxis miteinander verschränkt sind. Die architektonische Gestaltung und sozio-ökonomische Organisation städtischer Räume interessiert ebenso wie die daran geknüpften Bilder, Begrifflichkeiten und Bedeutungen, die Akteure, Medien und Kommunikationsstrategienin Bezug auf Gestaltung des Raums. Dabei nehme ich die Formel vom „Aufbau des Kommunismus“ als Leitmotiv, das den umfassenden Anspruch eines „Bauens für das Leben“ ausdrückt, durchaus ernst. Architektur und Städtebau werden weder als autonome künstlerische und technische Disziplinen noch als bloßer Propaganda-Fundus eines diktatorisch gesteuerten politischen Repräsentationsdranges
betrachtet, sondern in ihrer Praxis und ihren Produkten als Momente des Projekts, eine neue Gesellschaft und ihre räumliche Ordnung zu erschaffen.
Als Arbeitsstrategie konzentriere ich mich auf bestimmte Momente und Modellprojekte, bei denen die Debatte um die zukünftige Gestalt der Stadt in der Sowjetunion eine besondere Zuspitzung erfuhr. Nach der Wende im Bauwesen in der Mitte der 1950er Jahre bilden der Kongress der Internationalen Architektenunion (UIA) in Moskau 1958, die erste Allunionskonferenz für Städtebau in Moskau 1960, die Ausschreibung von Wettbewerben für die Rekonstruktion der Zentren sowjetischer Städte ab Mitte der 1960er Jahre sowie die Ausstellung und Konferenz über „Städte der Zukunft“ 1967 solche Kulminationspunkte, an denen die Suche nach einer neuen Auffassung des sozialistischen Stadtraums in unterschiedlichen Kontexten greifbar wird. Die Bedeutung dieser Ereignisse wird dadurch unterstrichen, dass in unmittelbarem Zusammenhang mit ihnen jeweils auch wichtige Publikationen erschienen. Als Beiträge zur urbanistischen Debatte betrachtet ich auch einzelne Projekte, die explizit als beispielgebende Planungen angelegt waren. Dazu gehören einerseits Ansätze für die Neugestaltung der Zentren von Hauptstädten, zum Beispiel in Moskau und im durch ein Erdbeben zerstörten Taschkent, und andererseits die Konzeption, Planung und Realisierung von neuen Zentren, auf die sich besonders grosse allgemeine und fachliche Aufmerksamkeit richtete: in Neustädten wie Zelenograd (bei Moskau) und Togliatti, oder in Lenins Geburtsstadt Ul'janovsk.
Im theoretischen Diskurs und im Vergleich der Beispiele identifiziert die Arbeit zentrale Themen der Architektur- und Planungsdebatten in Bezug auf Zentralität und Urbanität: von Mobilität und Konsumangeboten bis hin zu der übergeordneten Aufgabe der Repräsentation und Materialisierung einer gesellschaftlichen Ordnung. Anhand dieser Felder analysiert sie die vielschichtigen Strategien der Konzeptualisierung und Organisation des Raums, mit denen die Disziplinen Architektur und Städtebau an der Produktion städtischen Raums physisch wie diskursiv, durch Angebote von Deutungs- und Handlungsmustern, beteiligt sind.Abschliessend befasst sich die Arbeit damit, wie man die urbanistischen Konzepte und Stadträume der 1960er in den folgenden Jahrzehnten – vor und nach dem Ende der Sowjetunion – einordnete und veränderte.
Quellen
Durch die Auswertung verschiedener publizierter und archivalischer Quellen zu den genannten Ereignissen und Modellprojekten kann rekonstruiert werden, welche Prinzipien und Modelle für die Planung von Zentren im Laufe der „langen“ 1960er Jahre verhandelt wurden und wie beispielhafte Bauvorhaben repräsentiert und bewertet wurden. Als wesentliche Ergänzung der schriftlichen und bildlichen Überlieferung dienen Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die als junge Experten an den urbanistischen Debatten der 1960er Jahre persönlich Anteil hatten.
Über die Institutionen, die Protagonisten und Protagonistinnen der urbanistischen Debatten in der Sowjetunion in den 1960er Jahren geben Archivbestände der Akademie für Bauwesen und Architektur und des Staatlichen Komitees für Bauwesen (Gosstroi) Auskunft, die im Russischen Staatsarchiv für Wirtschaft (RGAE) überliefert sind. Zu den Planungen und zur Umsetzung bestimmter Bauvorhaben sind ausser den Beständen des Gosstroi und der zentralen Forschungs- und Planungsinstitute im RGAE auch Bestände der politischen Entscheidungsträger im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) sowie lokale Archive wie das Moskauer Stadtarchiv (ZAGM) zu konsultieren. Neben der Architektur-Fachpresse kommen auch zeitgenössische Reiseliteratur, Bildbände und Dokumentarfilme als Quellen in Betracht. Bildmaterialien zu Wettbewerbsbeiträgen, Ausstellungen und realisierten Bauten finden sich zudem im Bildarchiv des Staatlichen Ščusev-Architekturmuseums in Moskau. Durch die allgemeine Presse, öffentliche Ausstellungen und Kurzfilme für Kinos und Schulen suchten die sowjetischen Planungsinstitutionen den Austausch mit einem breiten Publikum, dessen Reaktionen in Leserbriefen und Besucherbüchern akribisch ausgewertet wurden. Ergänzend zu Publikationen für ein Fachpublikum zeigen also auch populärwissenschaftliche Darstellungen und Artikel in der Tagespresse, was bei der Repräsentation der neuen Stadtzentren im Vordergrund stand.
Elke Beyer
Stadtzentrumsplanungen der 1960er Jahre in der UdSSR sollten Flaggschiffe des real existierenden Sozialismus im Zeitalter der wissenschaftlich-technologischen Revolution bilden. Anhand des Architektur- und Planungsdiskurses und an Planungsbeispielen untersucht diese Arbeit, wie neue gesellschaftlichen Zentren als physische und als soziale Räume hergestellt werden sollten und welche Vorstellungen von Zentralität, Urbanität und Modernität ihnen eingeschrieben wurden. Der rückschauende Vergleich zielt einerseits auf eine Einordnung in den internationalen Kontext der Nachkriegsmoderne und andererseits darauf, den Umgang mit dem materiellen und kulturellen Erbe der realsozialistischen Stadträume unter kapitalistischen Bedingungen zu hinterfragen. Als Beispiele dienen Planungen und Realisierunge neuer gesellschaftlicher Zentren u.a. in Moskau, Zelenograd, Ul'janovsk, Taschkent, Togliatti.
Laufzeit: laufend (seit 2008)
Forschungsvorhaben
In meiner Dissertation untersuche ich, wie in den späten 1950er und 1960er Jahren in der Sowjetunion zentrale städtische Räume hergestellt wurden – von Konzeption und Planung über Bau und Nutzung bis hin zu ihrer medialen Repräsentation. Die übergeordnete Fragestellung richtet sich darauf, mit welchen Vorstellungen, Programmen und Prozessen gesellschaftlicher Modernisierung die urbanistischen Konzepte in den 1960er Jahren verbunden waren. Der zeitliche Rahmen der Untersuchung reicht vom „Tauwetter“ und der „Wende im Bauwesen“ in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre bis in die Mitte der 1970er Jahre, als sich die Ambitionen zum Bau kommunistischer Städte immer deutlicher in der pragmatischen massenhaften Bereitstellung von standardisierten Wohnbauten verliefen.
Die planerische und politische Aufmerksamkeit richtete sich in diesen „langen“ 1960er Jahren neben der Industrialisierung des Wohnungsbaus stark auf die Konzeption gesellschaftlicher Zentren. Die Planer und Planerinnen agierten im Spannungsfeld zwischen einer rapiden Verstädterung und dem Streben nach einer gesteuerten urbanistischen Dekonzentration. Durch die Herstellung eines gestuften Systems von Zentren suchte man eine räumliche und sozioökonomische Struktur zu schaffen, die den demografischen und wirtschaftlichen Entwicklungen gerecht wurde. Ein logistisches Modell zur Herstellung von Urbanität wurde entwickelt, das in den folgenden Jahrzehnten die Theorie und Praxis der Stadtplanung in den staatssozialistischen Ländern Osteuropas bestimmte: Stadt und Region
als funktionale Systeme der Produktion und der Reproduktion, strukturiert durch Knotenpunkte des Verkehrs, der Versorgung und der Betreuung, die als soziale Zentren dienen sollten.
Die Neuansätze in Architektur und Städtebau des Stadtzentrums wurden in dieser Zeit in der UdSSR in zahlreichen theoretischen Beiträgen und über 50 Wettbewerben verhandelt und durch exemplarische Bauvorhaben umgesetzt. Für die architektonische Ausformulierung der Zentren galt weiterhin der Begriff „Ensemble“ als Leitbild, doch trat eine moderne Interpretation an die Stelle einer eklektisch-neoklassizistischen. Auf der Grundlage eines modularen Rasters wurden die Zentren im Hinblick auf Flexibilität und Erweiterbarkeit geplant. In diesen Stadträumen wurde „sozialistische Zentralität“ nicht mehr allein politisch, sondern „im Sinne komplexer gesellschaftlicher Zentralität“ gedacht und inszeniert, wie Bruno Flierl dies für die DDR treffend formuliert hat. Bauten für die Freizeit, Dienstleistungen und Konsum erhielten einen höheren Stellenwert gegenüber der Verortung politischer Institutionen. Als herausragendes Merkmal des sozialistischen Stadtzentrums galt eine funktional und gesellschaftspolitisch begründete Gesamtkonzeption von Programm und Gestaltung. Durch Gesellschaftsbauten und Freiflächen sollten komplexe öffentlich
zugängliche Räume geschaffen und ihnen durch mächtige Verkehrsinfrastrukturen, moderne Technik in Bau und Ausstattung und zahlreiche Symbole einer neuen Zeit auf allen Ebenen sozialer Fortschritt eingeschrieben werden.
Mit der Neufassung einer sozialistischen bzw. kommunistischen Konzeption von Stadtraum und Architektur nach dem Tod Stalins nehme ich auch die damit einhergehende Auseinandersetzung mit der internationalen architektonischen und städtebaulichen Moderne der Zwischenkriegszeit und der Nachkriegszeit in den Blick. Denn während das sowjetische Projekt der Produktion von Raum mit universellem Anspruch einerseits eine Neubewertung und Wiederaneignung funktionalistischer und konstruktivistischer Positionen aus den 1920er Jahren beinhaltete, fand gleichzeitig auch eine intensive Auseinandersetzung mit der Theorie und Praxis der Planung in den kapitalistischen Ländern statt. Nachdem Nikita Chruščev 1955 zum Lernen vom kapitalistischen Ausland aufgerufen hatte, war rasch ein sachliches Interesse an die Stelle der fast hysterischen Diskreditierung der frühen 1950ern getreten. Die sowjetische Fachpresse zu Städtebau und Architektur rezipierte aufmerksam internationale Diskussionen zur Gestaltung und Organisation gesellschaftlicher Zentren – über Shopping Malls, New Towns und neue Kultur- und Geschäftszentren, über Mobilität und Verkehrsplanung, über die Expressivität und Lesbarkeit von Architektur und Raum. Gesellschaftliche
Entwicklungen wie die Tertiärisierung des Stadtzentrums und Nutzungsutopien von (Auto-) Mobilität und individueller konsumorientierter Freizeitgestaltung fanden Eingang in die urbanistische Reflektion und die daraus hervorgehende Praxis. Für die planenden Professionen in der UdSSR galt es, diese eigentlich dem Kapitalismus zugeschriebenen Erscheinungen in die Theorie und Praxis einer sozialistischen Stadtentwicklung zu integrieren, ohne dass die Abgrenzung zwischen den Lagern an Trennschärfe verlor.
Daher geht meine Forschung von zwei miteinander verknüpften Thesen aus:
1. Die Debatte um das gesellschaftliche Zentrum der Stadt bringt zum Ausdruck, wie in den
1960er Jahren sowjetische Architekten und Planer zum letzten Mal ernsthaft ein
umfassendes und allgemein gültiges Stadtmodell für eine kommunistische Zukunft zu
entwerfen suchen, obwohl sie sich ihrer eingeschränkten Möglichkeiten im real existierenden
Staatssozialismus schmerzlich bewusst waren.
2. Bei dieser Suche wurden international diskutierte Konzepte von Urbanität und Zentralität
integriert, also von einem systemübergreifend gültigen urbanistischen Wissen ausgegangen.
So formierte sich in diesem Zeitraum innerhalb der kontrollierten Institutionenlandschaft des
sowjetischen Bauwesens gleichzeitig die Vorstellung der Zugehörigkeit zu einer
internationalen Expertengemeinschaft.
Vorgehensweise
Mein Vorhaben zielt darauf, eine komplexe Geschichte der Aushandlung und des Transfers
urbanistischer Konzepte zu schreiben. Vom Ansatz her handelt es sich um ein kulturgeschichtliches
Forschungsvorhaben dazu, wie gesellschaftspolitische Anliegen und Kulturtechniken räumlicher Gestaltung – die Disziplinen Architektur und Städtebau – in einer bestimmten historischen Situation in Diskurs und Praxis miteinander verschränkt sind. Die architektonische Gestaltung und sozio-ökonomische Organisation städtischer Räume interessiert ebenso wie die daran geknüpften Bilder, Begrifflichkeiten und Bedeutungen, die Akteure, Medien und Kommunikationsstrategienin Bezug auf Gestaltung des Raums. Dabei nehme ich die Formel vom „Aufbau des Kommunismus“ als Leitmotiv, das den umfassenden Anspruch eines „Bauens für das Leben“ ausdrückt, durchaus ernst. Architektur und Städtebau werden weder als autonome künstlerische und technische Disziplinen noch als bloßer Propaganda-Fundus eines diktatorisch gesteuerten politischen Repräsentationsdranges
betrachtet, sondern in ihrer Praxis und ihren Produkten als Momente des Projekts, eine neue Gesellschaft und ihre räumliche Ordnung zu erschaffen.
Als Arbeitsstrategie konzentriere ich mich auf bestimmte Momente und Modellprojekte, bei denen die Debatte um die zukünftige Gestalt der Stadt in der Sowjetunion eine besondere Zuspitzung erfuhr. Nach der Wende im Bauwesen in der Mitte der 1950er Jahre bilden der Kongress der Internationalen Architektenunion (UIA) in Moskau 1958, die erste Allunionskonferenz für Städtebau in Moskau 1960, die Ausschreibung von Wettbewerben für die Rekonstruktion der Zentren sowjetischer Städte ab Mitte der 1960er Jahre sowie die Ausstellung und Konferenz über „Städte der Zukunft“ 1967 solche Kulminationspunkte, an denen die Suche nach einer neuen Auffassung des sozialistischen Stadtraums in unterschiedlichen Kontexten greifbar wird. Die Bedeutung dieser Ereignisse wird dadurch unterstrichen, dass in unmittelbarem Zusammenhang mit ihnen jeweils auch wichtige Publikationen erschienen. Als Beiträge zur urbanistischen Debatte betrachtet ich auch einzelne Projekte, die explizit als beispielgebende Planungen angelegt waren. Dazu gehören einerseits Ansätze für die Neugestaltung der Zentren von Hauptstädten, zum Beispiel in Moskau und im durch ein Erdbeben zerstörten Taschkent, und andererseits die Konzeption, Planung und Realisierung von neuen Zentren, auf die sich besonders grosse allgemeine und fachliche Aufmerksamkeit richtete: in Neustädten wie Zelenograd (bei Moskau) und Togliatti, oder in Lenins Geburtsstadt Ul'janovsk.
Im theoretischen Diskurs und im Vergleich der Beispiele identifiziert die Arbeit zentrale Themen der Architektur- und Planungsdebatten in Bezug auf Zentralität und Urbanität: von Mobilität und Konsumangeboten bis hin zu der übergeordneten Aufgabe der Repräsentation und Materialisierung einer gesellschaftlichen Ordnung. Anhand dieser Felder analysiert sie die vielschichtigen Strategien der Konzeptualisierung und Organisation des Raums, mit denen die Disziplinen Architektur und Städtebau an der Produktion städtischen Raums physisch wie diskursiv, durch Angebote von Deutungs- und Handlungsmustern, beteiligt sind.Abschliessend befasst sich die Arbeit damit, wie man die urbanistischen Konzepte und Stadträume der 1960er in den folgenden Jahrzehnten – vor und nach dem Ende der Sowjetunion – einordnete und veränderte.
Quellen
Durch die Auswertung verschiedener publizierter und archivalischer Quellen zu den genannten Ereignissen und Modellprojekten kann rekonstruiert werden, welche Prinzipien und Modelle für die Planung von Zentren im Laufe der „langen“ 1960er Jahre verhandelt wurden und wie beispielhafte Bauvorhaben repräsentiert und bewertet wurden. Als wesentliche Ergänzung der schriftlichen und bildlichen Überlieferung dienen Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die als junge Experten an den urbanistischen Debatten der 1960er Jahre persönlich Anteil hatten.
Über die Institutionen, die Protagonisten und Protagonistinnen der urbanistischen Debatten in der Sowjetunion in den 1960er Jahren geben Archivbestände der Akademie für Bauwesen und Architektur und des Staatlichen Komitees für Bauwesen (Gosstroi) Auskunft, die im Russischen Staatsarchiv für Wirtschaft (RGAE) überliefert sind. Zu den Planungen und zur Umsetzung bestimmter Bauvorhaben sind ausser den Beständen des Gosstroi und der zentralen Forschungs- und Planungsinstitute im RGAE auch Bestände der politischen Entscheidungsträger im Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF) sowie lokale Archive wie das Moskauer Stadtarchiv (ZAGM) zu konsultieren. Neben der Architektur-Fachpresse kommen auch zeitgenössische Reiseliteratur, Bildbände und Dokumentarfilme als Quellen in Betracht. Bildmaterialien zu Wettbewerbsbeiträgen, Ausstellungen und realisierten Bauten finden sich zudem im Bildarchiv des Staatlichen Ščusev-Architekturmuseums in Moskau. Durch die allgemeine Presse, öffentliche Ausstellungen und Kurzfilme für Kinos und Schulen suchten die sowjetischen Planungsinstitutionen den Austausch mit einem breiten Publikum, dessen Reaktionen in Leserbriefen und Besucherbüchern akribisch ausgewertet wurden. Ergänzend zu Publikationen für ein Fachpublikum zeigen also auch populärwissenschaftliche Darstellungen und Artikel in der Tagespresse, was bei der Repräsentation der neuen Stadtzentren im Vordergrund stand.


