Forschungsprojekt und Dissertation
Luttmann, Susanne
Gottfried Semper (1803-1879) vereinigt in seiner Person ein ungewöhnlich breites Spektrum von architektonischem Wissen, in dem sich Praxis, Didaktik und theoretische Reflexion der Architektur fruchtbar und mit nachhaltiger Aktualität verbinden. Seine «Vergleichende Baulehre» stellt einen bemerkenswerten, interdisziplinär angelegten, sowohl Geistes- wie Naturwissenschaften integrierenden Versuch dar, Architektur als kulturgeschichtlich komplexes Phänomen zu erfassen und in einer «Methodik des Erfindens» zu vermitteln.
Thema der Dissertation
«Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, eine vergleichende Baukunst zu schreiben, in der ich, ungefähr nach der Analogie deßen, was durch Cuvier und andere dem Naturstudium eine ganz neue Richtung gab, durch das Aufsuchen der Grundmotive und durch die Entwickelung der Verwandschaften und Verschiedenheiten unter den Werken der Baukunst aus ihnen, in den bisher in einer Menge von Einzelnwißenschaften und Einzelnforschungen getrennt und zerstreut vorhandenen Stoff Ordnung zu bringen, und auf dieses System eine Art von praktischer Aesthetik, eine Topik und Hereutik der Baukunst zu begründen gedachte. Obgleich ich zu dieser Arbeit durch meine Vorträge an der Akademie zu Dresden vorbereitet war, fühlte ich dennoch erst den ganzen Ernst der Aufgabe, als es sich darum handelte, damit vor das große Publikum zu treten.»
So schreibt Semper 1850 aus dem Pariser Exil an den Dresdner Minister von Lindenau [Briefentwurf im gta Archiv]. Jahre später, immer noch mit der Materie ringend, gesteht er jedoch: «Dieser Plan ist leicht ausgesprochen aber desto schwieriger durchgeführt» [gta 20-Ms 183, S. 11]. So ist es tatsächlich: Die «Vergleichende Baulehre» sollte für ihn zu einer Lebensaufgabe werden, der er beträchtliche Zeit und Mühe widmete. Die Entwicklung reicht von Sempers Pariser Studienzeit (1826-1830) bis zu seinen letzten theoretischen Arbeiten im Anschluss an den Vortrag «Ueber Baustyle» (1869), umfasst also die ganze Periode seines theoretischen Schaffens, etwa vier Jahrzehnte. Während dieser Zeit brachte Semper in wiederholten Anläufen immer neue Fassungen der «Vergleichenden Baulehre» hervor, integrierte neue Gedanken und Erkenntnisse, die sich zum Teil als stufenweise Entwicklungsstadien der Idee, zum Teil als alternative Betrachtungsmöglichkeiten voneinander unterscheiden. Trotz fortlaufender Neubearbeitungen hat Semper dieses Projekt einer «Vergleichenden Baulehre» nie abgeschlossen: Es blieb als handschriftliches Fragment zurück und ist in einer Anzahl unpublizierter Manuskripte erhalten, die sich heute im Semper-Nachlass des gta Archivs der ETH Zürich befinden.
Die «Vergleichende Baulehre» ist für die Semperforschung vor allem deswegen so interessant, weil sie den Ausgangs- und geplanten Schlusspunkt von Sempers unvollendetem Hauptwerk Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, oder Praktische Aesthetik (1860/63) darstellt, dessen nie erschienener III. Band die eigentliche Quintessenz seiner Architekturtheorie enthalten sollte. Ziel der Arbeit ist es, diesen Zusammenhang näher aufzuklären und mit der quellenkritischen Publikation ein Kernstück von Sempers Architekturtheorie erstmals allgemein zugänglich und nachvollziehbar zu machen.
Semper ging von der Idee aus, ob nicht der Baukunst, ebenso wie der Natur, bestimmte Urmotive zugrunde liegen — die im Laufe der historischen Entwicklung nach bestimmten Gesetzmässigkeiten Abwandlungen erfahren —, und ob sich darauf eine «Kunst-Topik» oder Erfindungslehre begründen lasse, die den Architekten bei seiner praktischen Entwurfsarbeit leiten könne.
Dieser Gedankenkreis fand in den Jahren seiner Dresdner Lehrtätigkeit in verschiedenen Vorlesungen einen ersten Niederschlag; 1843 trat der Verleger Eduard Vieweg an Semper heran mit dem Vorschlag, seine «Lehre der Gebäude» als eigenständige Publikation herauszugeben. Doch das Projekt konnte, trotz mehrerer Anläufe und sich ständig erweiternden Material- und Erkenntnishorizonts, nicht abgeschlossen werden: weder in Dresden, noch in den unruhigen Jahren des Pariser und Londoner Exils, endlich ebensowenig in Zürich, als Semper bereits am Konzept des Stil arbeitete. Dagegen hielt Semper als Professor am Zürcher Polytechnikum wiederum Vorlesungen mit dem Titel «Vergleichende Baulehre», die in diesen Zusammenhang gehören und in einer Anzahl von Kollegheften seiner Schüler erhalten sind.
Auch in die veröffentlichten Schriften Sempers sind Bruchstücke seines Ideenkreises zur «Vergleichenden Baulehre» eingegangen [z. B. Die vier Elemente der Baukunst (1851), Wissenschaft, Industrie und Kunst (1852); vgl. ebenso Sempers Londoner Vorträge, posthum herausgegeben in den Kleinen Schriften (1884)]; dabei werden aus unterschiedlichen Perspektiven Ausschnitte des ganzen Themenkomplexes beleuchtet, ohne dass zunächst ein klares übergreifendes System existiert. Dies versuchte Semper mit seinem Hauptwerk Der Stil zu leisten, indem er zu der Erkenntnis gelangt war, dass er seine Untersuchung auf breiterem Fundament aufbauen müsse. Da der Stil, trotz seines gewaltigen Umfangs und Ideenreichtums, ein Torso geblieben ist, bleibt die Frage offen, ob und inwieweit der fehlende III. Band mit Sempers Überlegungen zur «Vergleichenden Baulehre» zusammenhängt.
Nachdem bereits von Sempers Söhnen eine Redaktion und Herausgabe der von ihrem Vater hinterlassenen Schriften, insbesondere der Vorarbeiten und Fragmente zur «Vergleichenden Baulehre» geplant war [vgl. entsprechende Ankündigung im Vorwort der Kleinen Schriften (Semper 1884, S. VI)], wurde dieses Projekt in späterer Zeit mehrfach wieder aufgegriffen, gelangte aber nie zur Ausführung [vgl. Fröhlich 1974, S. 7; Bruchstücke erstmals ediert von Herrmann 1981, S. 180-260]. Dabei konzentrierte sich das Interesse vor allem auf ein Manuskriptkonvolut, das 1849/50 in Paris für die Publikation entstanden und bereits druckfertig ausgearbeitet ist. Neuere methodenkritische Interpretationen zu Sempers «Vergleichender Baulehre» haben die Notwendigkeit eines quellenkritischen Zugangs aufgezeigt [vgl. Hauser 1985, Gnehm 2003]. Ausgewählte Manuskripte Sempers sind seither nach faksimilierender Transkriptionsmethode publiziert worden [Gnehm 2004, im Anhang; Noever 2007].
Das Publikationsmanuskript der «Vergleichenden Baulehre» wird im Rahmen dieser Arbeit erstmals in vollem Wortlaut publiziert, und zwar mit allen Streichungen, Einfügungen und Randnotizen, die die verschiedenen Korrekturstufen des Originals erkennen lassen. Es geht darum, nicht nur das fertige Produkt zu präsentieren, sondern den Entstehungsprozess der Semperschen Gedanken, wie ihn die Manuskripte zeigen, authentisch wiederzugeben. Dazu liefert die quellenkritische Analyse im ersten Teil der Arbeit einen ausführlichen Kommentar, welcher die Einbettung des Pariser Manuskripts in den Gesamtzusammenhang, die Entwicklungsgeschichte der «Vergleichenden Baulehre» insgesamt, sowie die Bezüge zu Sempers theoretischem Hauptwerk Der Stil beleuchtet. Erstmals wird damit ein grösserer, zusammenhängender Manuskriptbestand quellenkritisch erfasst, ediert und in Sempers umfassendes Theoriegebäude eingeordnet.
Laufzeit: 2001-2008
Luttmann, Susanne
Gottfried Semper (1803-1879) vereinigt in seiner Person ein ungewöhnlich breites Spektrum von architektonischem Wissen, in dem sich Praxis, Didaktik und theoretische Reflexion der Architektur fruchtbar und mit nachhaltiger Aktualität verbinden. Seine «Vergleichende Baulehre» stellt einen bemerkenswerten, interdisziplinär angelegten, sowohl Geistes- wie Naturwissenschaften integrierenden Versuch dar, Architektur als kulturgeschichtlich komplexes Phänomen zu erfassen und in einer «Methodik des Erfindens» zu vermitteln.
Thema der Dissertation
«Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, eine vergleichende Baukunst zu schreiben, in der ich, ungefähr nach der Analogie deßen, was durch Cuvier und andere dem Naturstudium eine ganz neue Richtung gab, durch das Aufsuchen der Grundmotive und durch die Entwickelung der Verwandschaften und Verschiedenheiten unter den Werken der Baukunst aus ihnen, in den bisher in einer Menge von Einzelnwißenschaften und Einzelnforschungen getrennt und zerstreut vorhandenen Stoff Ordnung zu bringen, und auf dieses System eine Art von praktischer Aesthetik, eine Topik und Hereutik der Baukunst zu begründen gedachte. Obgleich ich zu dieser Arbeit durch meine Vorträge an der Akademie zu Dresden vorbereitet war, fühlte ich dennoch erst den ganzen Ernst der Aufgabe, als es sich darum handelte, damit vor das große Publikum zu treten.»
So schreibt Semper 1850 aus dem Pariser Exil an den Dresdner Minister von Lindenau [Briefentwurf im gta Archiv]. Jahre später, immer noch mit der Materie ringend, gesteht er jedoch: «Dieser Plan ist leicht ausgesprochen aber desto schwieriger durchgeführt» [gta 20-Ms 183, S. 11]. So ist es tatsächlich: Die «Vergleichende Baulehre» sollte für ihn zu einer Lebensaufgabe werden, der er beträchtliche Zeit und Mühe widmete. Die Entwicklung reicht von Sempers Pariser Studienzeit (1826-1830) bis zu seinen letzten theoretischen Arbeiten im Anschluss an den Vortrag «Ueber Baustyle» (1869), umfasst also die ganze Periode seines theoretischen Schaffens, etwa vier Jahrzehnte. Während dieser Zeit brachte Semper in wiederholten Anläufen immer neue Fassungen der «Vergleichenden Baulehre» hervor, integrierte neue Gedanken und Erkenntnisse, die sich zum Teil als stufenweise Entwicklungsstadien der Idee, zum Teil als alternative Betrachtungsmöglichkeiten voneinander unterscheiden. Trotz fortlaufender Neubearbeitungen hat Semper dieses Projekt einer «Vergleichenden Baulehre» nie abgeschlossen: Es blieb als handschriftliches Fragment zurück und ist in einer Anzahl unpublizierter Manuskripte erhalten, die sich heute im Semper-Nachlass des gta Archivs der ETH Zürich befinden.
Die «Vergleichende Baulehre» ist für die Semperforschung vor allem deswegen so interessant, weil sie den Ausgangs- und geplanten Schlusspunkt von Sempers unvollendetem Hauptwerk Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, oder Praktische Aesthetik (1860/63) darstellt, dessen nie erschienener III. Band die eigentliche Quintessenz seiner Architekturtheorie enthalten sollte. Ziel der Arbeit ist es, diesen Zusammenhang näher aufzuklären und mit der quellenkritischen Publikation ein Kernstück von Sempers Architekturtheorie erstmals allgemein zugänglich und nachvollziehbar zu machen.
Semper ging von der Idee aus, ob nicht der Baukunst, ebenso wie der Natur, bestimmte Urmotive zugrunde liegen — die im Laufe der historischen Entwicklung nach bestimmten Gesetzmässigkeiten Abwandlungen erfahren —, und ob sich darauf eine «Kunst-Topik» oder Erfindungslehre begründen lasse, die den Architekten bei seiner praktischen Entwurfsarbeit leiten könne.
Dieser Gedankenkreis fand in den Jahren seiner Dresdner Lehrtätigkeit in verschiedenen Vorlesungen einen ersten Niederschlag; 1843 trat der Verleger Eduard Vieweg an Semper heran mit dem Vorschlag, seine «Lehre der Gebäude» als eigenständige Publikation herauszugeben. Doch das Projekt konnte, trotz mehrerer Anläufe und sich ständig erweiternden Material- und Erkenntnishorizonts, nicht abgeschlossen werden: weder in Dresden, noch in den unruhigen Jahren des Pariser und Londoner Exils, endlich ebensowenig in Zürich, als Semper bereits am Konzept des Stil arbeitete. Dagegen hielt Semper als Professor am Zürcher Polytechnikum wiederum Vorlesungen mit dem Titel «Vergleichende Baulehre», die in diesen Zusammenhang gehören und in einer Anzahl von Kollegheften seiner Schüler erhalten sind.
Auch in die veröffentlichten Schriften Sempers sind Bruchstücke seines Ideenkreises zur «Vergleichenden Baulehre» eingegangen [z. B. Die vier Elemente der Baukunst (1851), Wissenschaft, Industrie und Kunst (1852); vgl. ebenso Sempers Londoner Vorträge, posthum herausgegeben in den Kleinen Schriften (1884)]; dabei werden aus unterschiedlichen Perspektiven Ausschnitte des ganzen Themenkomplexes beleuchtet, ohne dass zunächst ein klares übergreifendes System existiert. Dies versuchte Semper mit seinem Hauptwerk Der Stil zu leisten, indem er zu der Erkenntnis gelangt war, dass er seine Untersuchung auf breiterem Fundament aufbauen müsse. Da der Stil, trotz seines gewaltigen Umfangs und Ideenreichtums, ein Torso geblieben ist, bleibt die Frage offen, ob und inwieweit der fehlende III. Band mit Sempers Überlegungen zur «Vergleichenden Baulehre» zusammenhängt.
Nachdem bereits von Sempers Söhnen eine Redaktion und Herausgabe der von ihrem Vater hinterlassenen Schriften, insbesondere der Vorarbeiten und Fragmente zur «Vergleichenden Baulehre» geplant war [vgl. entsprechende Ankündigung im Vorwort der Kleinen Schriften (Semper 1884, S. VI)], wurde dieses Projekt in späterer Zeit mehrfach wieder aufgegriffen, gelangte aber nie zur Ausführung [vgl. Fröhlich 1974, S. 7; Bruchstücke erstmals ediert von Herrmann 1981, S. 180-260]. Dabei konzentrierte sich das Interesse vor allem auf ein Manuskriptkonvolut, das 1849/50 in Paris für die Publikation entstanden und bereits druckfertig ausgearbeitet ist. Neuere methodenkritische Interpretationen zu Sempers «Vergleichender Baulehre» haben die Notwendigkeit eines quellenkritischen Zugangs aufgezeigt [vgl. Hauser 1985, Gnehm 2003]. Ausgewählte Manuskripte Sempers sind seither nach faksimilierender Transkriptionsmethode publiziert worden [Gnehm 2004, im Anhang; Noever 2007].
Das Publikationsmanuskript der «Vergleichenden Baulehre» wird im Rahmen dieser Arbeit erstmals in vollem Wortlaut publiziert, und zwar mit allen Streichungen, Einfügungen und Randnotizen, die die verschiedenen Korrekturstufen des Originals erkennen lassen. Es geht darum, nicht nur das fertige Produkt zu präsentieren, sondern den Entstehungsprozess der Semperschen Gedanken, wie ihn die Manuskripte zeigen, authentisch wiederzugeben. Dazu liefert die quellenkritische Analyse im ersten Teil der Arbeit einen ausführlichen Kommentar, welcher die Einbettung des Pariser Manuskripts in den Gesamtzusammenhang, die Entwicklungsgeschichte der «Vergleichenden Baulehre» insgesamt, sowie die Bezüge zu Sempers theoretischem Hauptwerk Der Stil beleuchtet. Erstmals wird damit ein grösserer, zusammenhängender Manuskriptbestand quellenkritisch erfasst, ediert und in Sempers umfassendes Theoriegebäude eingeordnet.
Laufzeit: 2001-2008



