Forschungsprojekt
Prof. Dr. Werner Oechslin
“...corporea seu materialis forma sive modulus
aut typus totius aedificii (ein Modell oder Muster)...”
Johann Christoph Sturm, Mathesis Compendiaria..., Coburg 1714 (1686), S. 62.
“Idea materialis. Modello. Modelle. Model. Ein Muster...”
Leonhard Christoph Sturm, Kurtze Vorstellung der gantzen Civil-Bau-Kunst, worinnen erstlich die vornehmsten Kunst-Wörter..., Augsburg 1718, S. 3.
Gemäss heutigem Verständnis lässt sich das Architekturmodell etwa so beschreiben:
Das Modell ist ein Mittelding, Architektur noch im Zustand des Projekts und doch schon greifbar der Verwirklichung nah, oder umgekehrt: beinahe schon das ausgeführte Werk, und doch nur Antizipation in einem kleineren oder grösseren Muster. Folgt man dieser Umschreibung, die – einschränkend, aus der Sicht des verursachenden Architekten – voraussetzt, dass das Modell Teil des Entwurfsvorganges sei, so ist jene Mittelstellung bezeichnet, die dem Modell von den Theoretikern seit Alberti, aber auch vom heutigen Architekten meist zugewiesen wird. Geformt, und – im Gegensatz zur Architekturzeichnung – eben auch materiell vorgegeben, findet das Architekturmodell in dieser spezifischen Mittelstellung seine Entsprechung in einem der grossen Themen der Philosophie seit Plato und insbesondere seit Aristoteles. Sie gibt sich dort zu erkennen, wo Form und Materie gleichsam in einem Pakt – durch den Begriff des Hylemorphismus vage umschrieben – notwendigerweise zusammengeschlossen sind, und wo dieser Zusammenschluss dementsprechend als Voraussetzung für die Existenz aller konkreten Dinge erkannt worden ist. Form und Materie präsentieren sich in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit, bezeichnen zwei Prinzipien, aus denen alle existierenden Dinge zusammengesetzt sind, wie es beispielsweise die Kurzformel Robert von Lincoln ‘Grosseteste’ auf den Punkt bringt: ‘Sciendum, quod duo sunt principia per se, sive materia & forma, quia ex illis fit unumquodque compositum naturale.’ Solche allgemeinsten Formulierungen zu einer in erster Linie in der aristotelischen Physik – aber auch in dessen Metaphysik und in Platos Timaios – diskutierten Kardinalfrage gehören gerade in humanistischer Zeit zum philosophischen Allgemeingut. Sie sind also grundsätzlich verfügbar, was sich denn auch in einer Vielfalt unterschiedlicher Deutungen und Interpretationen manifestiert.
Insofern das Architekturmodell durch seine physische Wirklichkeit gekennzeichnet ist und sich darin von der abstrakten, geometrischen Zeichnung unterscheidet, ist es – enger gefasst – der grundlegenden Frage der Materie (Hyle) – gemäss der Physik Aristoteles’ in erster Linie – gleichsam zwangsläufig ausgesetzt. Dort jedenfalls finden sich, übrigens in architektonische Metaphern gekleidet und natürlich stets bezogen auf das Verhältnis von Materie und Form, die passendsten, einleuchtendsten und auch bildhaften Formulierungen. Daran konnte man schwerlich vorbeigehen, zumal sich in der Folge der Rahmen der Form-Materie-Diskussion ohnehin auf alles Schöpferische, auf die Ursprungsfrage und darüber hinaus auf das Philosophieren an und für sich ausdehnte. Man würde auch die neuere Architekturtheorie völlig unterschätzen, wenn man glaubte, solche Traditionen wären längst abgerissen. Die berühmte Frage einer sich aus den neuen Materialien herausbildenden neuen architektonischen Form steht natürlich in dieser geistesgeschichtlichen Tradition. Erich Mendelsohns ‘im neuen Baustoff auch zu neuen Formen zwingen’ ist gar nicht so weit vom aristotelischen ‘in his quidem igitur quae sunt secundum artem nos facimus materiam propter opus’ entfernt, auch wenn hier im Sinne des Zeitgeistes der Formfindungsprozess von der ‘Gesinnung’ abhängig gemacht und zum ‘Formwillen’ weiter entwickelt wird. Dieser allgemeine Zusammenhang trifft auch auf das Architekturmodell im engeren Sinne zu. Ohne diesen wäre jedenfalls auch die spätere Definition des Architekturmodells – lange nach L.B. Alberti – kaum verständlich, ob es sich nun um Johann Christoph Sturms ‘corporea seu materialis forma’ oder – eher ‘platonisch’ gefasst – um die begrifflich leicht variierte ‘idea materialis’ seines Sohnes Leonhard Christoph Sturm handelt. Der Hylemorphismus steht also mitsamt der Vielfalt unterschiedlichster Erklärungen und bildhafter Deutungen zur Verfügung, wenn es darum geht, das Modell in der Architektur grundsätzlicher Betrachtungen zuzuführen. Und dies gilt in erster Linie für all jene Texte, die sich des Modells in theoretischer Hinsicht annähern.
Laufzeit: seit 2000
Prof. Dr. Werner Oechslin
“...corporea seu materialis forma sive modulus
aut typus totius aedificii (ein Modell oder Muster)...”
Johann Christoph Sturm, Mathesis Compendiaria..., Coburg 1714 (1686), S. 62.
“Idea materialis. Modello. Modelle. Model. Ein Muster...”
Leonhard Christoph Sturm, Kurtze Vorstellung der gantzen Civil-Bau-Kunst, worinnen erstlich die vornehmsten Kunst-Wörter..., Augsburg 1718, S. 3.
Gemäss heutigem Verständnis lässt sich das Architekturmodell etwa so beschreiben:
Das Modell ist ein Mittelding, Architektur noch im Zustand des Projekts und doch schon greifbar der Verwirklichung nah, oder umgekehrt: beinahe schon das ausgeführte Werk, und doch nur Antizipation in einem kleineren oder grösseren Muster. Folgt man dieser Umschreibung, die – einschränkend, aus der Sicht des verursachenden Architekten – voraussetzt, dass das Modell Teil des Entwurfsvorganges sei, so ist jene Mittelstellung bezeichnet, die dem Modell von den Theoretikern seit Alberti, aber auch vom heutigen Architekten meist zugewiesen wird. Geformt, und – im Gegensatz zur Architekturzeichnung – eben auch materiell vorgegeben, findet das Architekturmodell in dieser spezifischen Mittelstellung seine Entsprechung in einem der grossen Themen der Philosophie seit Plato und insbesondere seit Aristoteles. Sie gibt sich dort zu erkennen, wo Form und Materie gleichsam in einem Pakt – durch den Begriff des Hylemorphismus vage umschrieben – notwendigerweise zusammengeschlossen sind, und wo dieser Zusammenschluss dementsprechend als Voraussetzung für die Existenz aller konkreten Dinge erkannt worden ist. Form und Materie präsentieren sich in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit, bezeichnen zwei Prinzipien, aus denen alle existierenden Dinge zusammengesetzt sind, wie es beispielsweise die Kurzformel Robert von Lincoln ‘Grosseteste’ auf den Punkt bringt: ‘Sciendum, quod duo sunt principia per se, sive materia & forma, quia ex illis fit unumquodque compositum naturale.’ Solche allgemeinsten Formulierungen zu einer in erster Linie in der aristotelischen Physik – aber auch in dessen Metaphysik und in Platos Timaios – diskutierten Kardinalfrage gehören gerade in humanistischer Zeit zum philosophischen Allgemeingut. Sie sind also grundsätzlich verfügbar, was sich denn auch in einer Vielfalt unterschiedlicher Deutungen und Interpretationen manifestiert.
Insofern das Architekturmodell durch seine physische Wirklichkeit gekennzeichnet ist und sich darin von der abstrakten, geometrischen Zeichnung unterscheidet, ist es – enger gefasst – der grundlegenden Frage der Materie (Hyle) – gemäss der Physik Aristoteles’ in erster Linie – gleichsam zwangsläufig ausgesetzt. Dort jedenfalls finden sich, übrigens in architektonische Metaphern gekleidet und natürlich stets bezogen auf das Verhältnis von Materie und Form, die passendsten, einleuchtendsten und auch bildhaften Formulierungen. Daran konnte man schwerlich vorbeigehen, zumal sich in der Folge der Rahmen der Form-Materie-Diskussion ohnehin auf alles Schöpferische, auf die Ursprungsfrage und darüber hinaus auf das Philosophieren an und für sich ausdehnte. Man würde auch die neuere Architekturtheorie völlig unterschätzen, wenn man glaubte, solche Traditionen wären längst abgerissen. Die berühmte Frage einer sich aus den neuen Materialien herausbildenden neuen architektonischen Form steht natürlich in dieser geistesgeschichtlichen Tradition. Erich Mendelsohns ‘im neuen Baustoff auch zu neuen Formen zwingen’ ist gar nicht so weit vom aristotelischen ‘in his quidem igitur quae sunt secundum artem nos facimus materiam propter opus’ entfernt, auch wenn hier im Sinne des Zeitgeistes der Formfindungsprozess von der ‘Gesinnung’ abhängig gemacht und zum ‘Formwillen’ weiter entwickelt wird. Dieser allgemeine Zusammenhang trifft auch auf das Architekturmodell im engeren Sinne zu. Ohne diesen wäre jedenfalls auch die spätere Definition des Architekturmodells – lange nach L.B. Alberti – kaum verständlich, ob es sich nun um Johann Christoph Sturms ‘corporea seu materialis forma’ oder – eher ‘platonisch’ gefasst – um die begrifflich leicht variierte ‘idea materialis’ seines Sohnes Leonhard Christoph Sturm handelt. Der Hylemorphismus steht also mitsamt der Vielfalt unterschiedlichster Erklärungen und bildhafter Deutungen zur Verfügung, wenn es darum geht, das Modell in der Architektur grundsätzlicher Betrachtungen zuzuführen. Und dies gilt in erster Linie für all jene Texte, die sich des Modells in theoretischer Hinsicht annähern.
Laufzeit: seit 2000


