ETH-Forschungsprojekt und Dissertation
Naehrig, Niklas
 

Der von Philibert Delorme zwischen 1564 bis 1567 verfasste Architekturtraktat Le Premier Tome de l‘Architecture wurde von der Architekturgeschichte außerhalb Frankreichs bisher wenig oder nur in Teilaspekten gewürdigt. In neun Büchern entwirft Delorme eine Architekturtheorie, die die wissenschaftliche Expertise des Architekten betont, ohne das Studium der klassischen Architektur zu vernachlässigen. Dabei stützt sich Delorme neben Vitruv auf die Vorbilder Albertis und Serlios und kann auf Beobachtungen zurückgreifen, die er während eigener Aufenthalte in Italien gemacht hatte. Dennoch geht seine Schrift weit über das von ihm selbst geschaffene Diktum, „d‘avoir porté en France la façon de bien bastir“ hinaus. Seine Leistung besteht nicht allein im Transfer italienischer Formen, sondern in deren Integration in die französische Bautradition.
Die Integrationsleistung Delormes erfordert allerdings eine genaue Betrachtung des weiteren künstlerischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeldes. Diese Auseinandersetzung beginnt mit der Auftraggeberschaft Catherines de Médicis. Ihre Regentschaft zeichnete sich durch ein reges Mäzenatentum auf dem Gebiet der Künste und der Wissenschaften aus. Im Kontext des Repräsentationsprogramms der Königinmutter bildeten sich Netzwerke von Künstlern, Gelehrten und angehörigen des Hofes. In Salons, Akademien und Ateliers wurden künstlerische, wissenschaftliche und politische Grenzen gezogen und zugleich in Frage gestellt. Delormes Premier Tome bietet die Möglichkeit, diese vielschichtigen Verbindungen aufzudecken. Das Buch soll dabei nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit ausgewählten Bauten Delormes, den Tuilerien, und den Schlössern von Saint-Maur-des-Fossés und Anet, betrachtet werden. Ein solcher Zusammenhang bietet sich nicht nur wegen der zeitlichen Nähe der Entstehung von Buch und Bauten an, sondern auch wegen zahlreicher inhaltlicher Verweise. Thesenhaft soll dem literarischen der gebaute Palast gegenübergestellt werden. Durch diese erweiterte Perspektive geraten auch europäische Vorbilder (Palazzo del Té, Palazzo Pitti, Villa Giulia, Belvedere, Escorial) ins Blickfeld, die durch eine Vermischung von Merkmalen fürstlicher Residenzen und der Villa Suburbana gekennzeichnet sind. Diese Bauten bildeten den architektonischen Rahmen einer inszenierten herrschaftlichen Selbstdarstellung. Feste, Entrées und Turniere spielten sich vor ihrer Kulisse ab. Für den Architekten bedeutete dieser Bedeutungswandel der Architektur zwar vordergründig einen enormen Prestigegewinn, jedoch steht die Kultur des Festlichen, der Verkleidung, der Inszenierung in diametralem Gegensatz zum Selbstverständnis des französischen Baumeisters, der seine Leistung traditionell in der Struktur widergespiegelt sah. Mit dem Premier Tome deckt Delorme diesen Widerspruch auf und macht mit seinen Ausführungen zur Stereotomie das in der Wand verborgene Wissen des Architekten sichtbar. Philibert Delorme entwirft ein professionelles Profil des Architekten, das der in etwa zeitgleichen Emergenz des Künstlerarchiteken in Italien in vielen Punkten widerspricht und diesem den Typus des Ingenieur-Architekten, avant la lettre, gegenüberstellt. Während in Italien also die Frage im Vordergrund steht, ob- und unter welchen Bedingungen die Architektur Eingang in die bildenden Künste finden kann, kommt Delorme durch den Einbezug mathematischer und technischer Wissenschaften zu einer sehr viel moderneren Auffassung des Architektenberufs.


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Niklas Naehrig