Dissertation
Kammann, Christian
 

Wie müssen wir uns repräsentative Architektur in China nach der Absetzung des letzen Kaisers und der Schließung des kaiserlichen Bauamtes im Jahre 1911 vorstellen? - Sicherlich zunächst einmal als eine Form der Orientierungslosigkeit, die schnell in blinde Nachahmung hastig erkorener Vorbilder mündete.
Als für die damalige Zeit richtungweisend, erscheint vom heutigen Forschungsstand aus gesehen in erster Linie Liang Sicheng (Sohn des reformorientierten Qing-zeitlichen Gelehrten Liang Qichao), der in zahlreichen Aufsätzen just dieses Phänomen des ‘entseelten Kopierens’ scharf kritisiert und statt dessen eine chinesische Nationalarchitektur fordert. Am Beispiel seiner Karriere untersucht das Forschungsprojekt die Entstehungsgeschichte des Architektenberufes und der modernen Architektur im Reich der Mitte. Hierzu werden u.a. Quellen der 20er und 30er Jahre wie das Mitteilungsblatt der Gesellschaft zur Erforschung chinesischer Architektur und die Zeitschrift Chinesische Architektur ausgewertet, die sich den Themen Denkmalpflege und Modernes Bauen in China widmen, und die auch ein Spiegelbild von Liangs Position zwischen Tradition und Moderne sind: Ob im Semper’schen Sinne ‘der notwendige Zusammenhang der Gegenwart mit allen Jahrhunderten der Vergangenheit’ oder Ansätze kosmopolitischen Denkens –beide Komponenten finden sich auch in den architekturtheoretischen Schriften von Liang Sicheng. Bei all seinen Tätigkeiten als Lehrer, Denkmalpfleger, Architekt, Städtebauer und Politiker geht es ihm um die sprichwörtliche Erbaulichkeit von historisch gewachsenen Werten –aus Ost und West. Sein Œuvre strebt nach einer Harmonie aus spezifischer Funktionaliät und kultureller Identität.