SNF-Forschungsprojekt und Dissertation
Kallenbach, Jonas
Die Wende vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit manifestierte sich konsequenterweise auch in der bil-denden Kunst. Inwieweit die Architektur im Bereich der heutigen Schweiz und in Süddeutschland an die-sem Umbruch partizipierte soll in vorliegendem Projekt als zentrale Fragestellung behandelt werden. Ideal-erweise übernimmt vorliegende Konzeptidee eine Art Brückenfunktion, welche das Spätmittelalter auf der einen, und die Renaissance auf der anderen Seite, miteinander verbindet. Es soll untersucht werden, in wel-cher Art und Weise Kommunikation über Architektur von 1450 bis ca. 1600 im städtischen Kontext mög-lich war. Trotz der Fokussierung auf den profanen Bereich (Rathäuser, Bürgerhäuser, Palais und urbanisti-sche Plankonzepte) wird der gelegentliche Einbezug von Bauten sakraler Prägung notwendig sein, um die behandelten Bauten und deren Auftraggeber im städtischen Kontext verstehen zu können. Ausgehend von Ergebnissen im städtischen Kontext sollen – wenn möglich – auch Rückschlüsse auf die Peripherie ge-macht werden. Die Kernfrage lautet wie folgt: Inwieweit entspricht die formale Rezeption im Bereich der Architektur einem tiefergehenden kulturellen Transfer im Bereich der Mentalität, der politischen Repräsen-tation und dem Selbstverständnis der Auftraggeberschicht? Geht die formale Entwicklung mit den geisti-gen Veränderungen parallel? Inwieweit können formale Parallelen unterschiedlichen Geisteshaltungen ent-springen, sind also oberflächliche Übernahmen von Architekturformen? Es gilt hier demzufolge zu fragen, ob möglicherweise auch ähnliche Geisteshaltungen formal unterschiedliche Ausprägungen in der Architek-tur finden können. Auch soll herausgearbeitet werden, ob der Norden im Bereich der Architektur – so die geläufige historische Lehrmeinung – den Veränderungen südlich der Alpen wirklich hinterherhinkte, oder ob man Strukturparallelen aufzeigen kann, welche als verbindende Elemente von Nord und Süd die Archi-tektur mitprägten.
Aufbauend auf der Erforschung des lokalen Kontexts soll der Versuch einer synthetisierenden Darstellung gewagt werden. Es gilt zu fragen, wo sich der Aufbruch vom Mittelalter zur Neuzeit in profanen und sakra-len Bauwerken manifestiert. Unter Einbezug des familien- und stadtgeschichtlichen Kontexts soll ein Abs-traktionsprozess vollzogen werden: Inwieweit haben sich Motive und Interessen der Auftraggeber verän-dert und in welcher Form prägten gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen die Auftraggeberschaft innerhalb des städtischen Kontexts? Die Veränderung der Vorstellungs- und Ideenwelt der Auftraggeberschaft hat wiederum einen direkten (und auch indirekten) Einfluss auf das Erscheinungs-bild einzelner Bauten, ja auf den urbanistischen Kontext an sich. Ebenso wie beim Profanbau kann auch beim Sakralbau die Frage nach kommunaler und bürgerlicher Selbstdarstellung aufgeworfen werden. Beide Architekturbereiche sind aus heutiger Sicht aus dem Gesamtbild unserer Städte nicht wegzudenken, und die auf uns gekommenen Zeugnisse stellen einen reichhaltigen Quellenschatz zur Mentalitäts- und Gesell-schaftsgeschichte dar. Darüber hinaus zeugen die Bauten von einem Kulturtransfer, von Stilgenese und Stilentwicklung.
Als Charakteristikum der Renaissance wird oft die Herausbildung eines Nationalbewusstseins hervorgeho-ben. Hier gilt es anzusetzen und sich die Frage zu stellen, wie und warum eine Übernahme von Architek-turformen der Renaissance nördlich der Alpen vor dem Hintergrund nationaler Wertvorstellungen stattfin-den konnte. In Italien besass die Wiederbelebung der Antike eine nationale Konnotation und wurde als Weiterleben einer schon einmal erlebten Blüte empfunden. Die Renaissance-Architektur stellt folglich eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte dar, und man kann berechtigterweise die Frage stellen, ob hier nicht Parallelen zur Spätgotik nördlich der Alpen zu finden sind. Es muss nicht betont werden, dass die An-tike für die Länder nördlich der Alpen einen anderen Stellenwert einnahm. Sie konnte nicht als eigene Tra-dition instrumentalisiert werden. Die Anwendung bestimmter Architekturformen sucht beim Betrachter ei-ne Wirkung zu erzielen. Hier gilt es zu fragen, ob und welche Werte mit antikischen Formen nördlich der Alpen verbunden wurden und welche Werte mit anderen Formen verbunden wurden.
Letztlich siegt in diesem Prozess des Kulturtransfers der antikisch geprägte Kanon. Der Weg dorthin war aber vielgestaltig und soll Gegenstand dieses Projekts sein. Die geistige und formale Vielfalt im Norden und Süden steht hier den gemeinsamen Veränderungen der individuellen und kollektiven Mentalitäten, d. h. des persönlichen und politischen Bewusstseins, gegenüber, welche letztlich auch in der Baukunst ihren Ausdruck finden.
Laufzeit: laufend (seit 2007)
Kallenbach, Jonas
Die Wende vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit manifestierte sich konsequenterweise auch in der bil-denden Kunst. Inwieweit die Architektur im Bereich der heutigen Schweiz und in Süddeutschland an die-sem Umbruch partizipierte soll in vorliegendem Projekt als zentrale Fragestellung behandelt werden. Ideal-erweise übernimmt vorliegende Konzeptidee eine Art Brückenfunktion, welche das Spätmittelalter auf der einen, und die Renaissance auf der anderen Seite, miteinander verbindet. Es soll untersucht werden, in wel-cher Art und Weise Kommunikation über Architektur von 1450 bis ca. 1600 im städtischen Kontext mög-lich war. Trotz der Fokussierung auf den profanen Bereich (Rathäuser, Bürgerhäuser, Palais und urbanisti-sche Plankonzepte) wird der gelegentliche Einbezug von Bauten sakraler Prägung notwendig sein, um die behandelten Bauten und deren Auftraggeber im städtischen Kontext verstehen zu können. Ausgehend von Ergebnissen im städtischen Kontext sollen – wenn möglich – auch Rückschlüsse auf die Peripherie ge-macht werden. Die Kernfrage lautet wie folgt: Inwieweit entspricht die formale Rezeption im Bereich der Architektur einem tiefergehenden kulturellen Transfer im Bereich der Mentalität, der politischen Repräsen-tation und dem Selbstverständnis der Auftraggeberschicht? Geht die formale Entwicklung mit den geisti-gen Veränderungen parallel? Inwieweit können formale Parallelen unterschiedlichen Geisteshaltungen ent-springen, sind also oberflächliche Übernahmen von Architekturformen? Es gilt hier demzufolge zu fragen, ob möglicherweise auch ähnliche Geisteshaltungen formal unterschiedliche Ausprägungen in der Architek-tur finden können. Auch soll herausgearbeitet werden, ob der Norden im Bereich der Architektur – so die geläufige historische Lehrmeinung – den Veränderungen südlich der Alpen wirklich hinterherhinkte, oder ob man Strukturparallelen aufzeigen kann, welche als verbindende Elemente von Nord und Süd die Archi-tektur mitprägten.
Aufbauend auf der Erforschung des lokalen Kontexts soll der Versuch einer synthetisierenden Darstellung gewagt werden. Es gilt zu fragen, wo sich der Aufbruch vom Mittelalter zur Neuzeit in profanen und sakra-len Bauwerken manifestiert. Unter Einbezug des familien- und stadtgeschichtlichen Kontexts soll ein Abs-traktionsprozess vollzogen werden: Inwieweit haben sich Motive und Interessen der Auftraggeber verän-dert und in welcher Form prägten gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen die Auftraggeberschaft innerhalb des städtischen Kontexts? Die Veränderung der Vorstellungs- und Ideenwelt der Auftraggeberschaft hat wiederum einen direkten (und auch indirekten) Einfluss auf das Erscheinungs-bild einzelner Bauten, ja auf den urbanistischen Kontext an sich. Ebenso wie beim Profanbau kann auch beim Sakralbau die Frage nach kommunaler und bürgerlicher Selbstdarstellung aufgeworfen werden. Beide Architekturbereiche sind aus heutiger Sicht aus dem Gesamtbild unserer Städte nicht wegzudenken, und die auf uns gekommenen Zeugnisse stellen einen reichhaltigen Quellenschatz zur Mentalitäts- und Gesell-schaftsgeschichte dar. Darüber hinaus zeugen die Bauten von einem Kulturtransfer, von Stilgenese und Stilentwicklung.
Als Charakteristikum der Renaissance wird oft die Herausbildung eines Nationalbewusstseins hervorgeho-ben. Hier gilt es anzusetzen und sich die Frage zu stellen, wie und warum eine Übernahme von Architek-turformen der Renaissance nördlich der Alpen vor dem Hintergrund nationaler Wertvorstellungen stattfin-den konnte. In Italien besass die Wiederbelebung der Antike eine nationale Konnotation und wurde als Weiterleben einer schon einmal erlebten Blüte empfunden. Die Renaissance-Architektur stellt folglich eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte dar, und man kann berechtigterweise die Frage stellen, ob hier nicht Parallelen zur Spätgotik nördlich der Alpen zu finden sind. Es muss nicht betont werden, dass die An-tike für die Länder nördlich der Alpen einen anderen Stellenwert einnahm. Sie konnte nicht als eigene Tra-dition instrumentalisiert werden. Die Anwendung bestimmter Architekturformen sucht beim Betrachter ei-ne Wirkung zu erzielen. Hier gilt es zu fragen, ob und welche Werte mit antikischen Formen nördlich der Alpen verbunden wurden und welche Werte mit anderen Formen verbunden wurden.
Letztlich siegt in diesem Prozess des Kulturtransfers der antikisch geprägte Kanon. Der Weg dorthin war aber vielgestaltig und soll Gegenstand dieses Projekts sein. Die geistige und formale Vielfalt im Norden und Süden steht hier den gemeinsamen Veränderungen der individuellen und kollektiven Mentalitäten, d. h. des persönlichen und politischen Bewusstseins, gegenüber, welche letztlich auch in der Baukunst ihren Ausdruck finden.
Laufzeit: laufend (seit 2007)



