SNF-Forschungsprojekt und Dissertation
Zurfluh, Lukas
 



Die Landesausstellung von 1964 in Lausanne war sowohl ein singuläres, zeitlich begrenztes Ereignis, als auch eine Veranstaltung in der Reihe von bisher sieben Landesausstellungen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz durchgeführt wurden. Der Kontext, in dem diese sechste Landesausstellung entstand, zeigt sich sehr kontrovers: Einerseits befand sich die Gesellschaft in einer regelrechten Aufbruchstimmung: die Wirtschaft florierte, der technische Fortschritt und der Glaube an denselben waren gross. Dieser optimistischen Entwicklung standen andererseits die Bedrohung durch den sich verschärfenden Kalten Krieg und die mit dem wirtschaftlichen Wachstum einhergehenden Probleme gegenüber. Der architekturgeschichtliche Kontext zeigte sich nicht viel weniger kontrovers: Die Kritik des Rationalismus der klassischen Modernen Architektur und die Ablehnung einer rein funktionalen Ordnung der Stadt führten in dieser Zeit zu einer Wiederentdeckung der sozialen Aspekte von Architektur und Städtebau. In diesem Kontext wurde die Konzeption und Gestaltung der Expo 64 zu einem wichtigen Experimentierfeld einer neuen Generation von Modernen Architekten und Gestaltern. Sie zeigte sich in ihrer Erscheinung sehr fortschrittlich, teilweise schon fast visionär, wurde international viel beachtet und galt lange als die weltweit schönste Ausstellung des 20. Jahrhunderts.
Was die Expo 64 von vorangegangen Landes- und Weltausstellungen unterscheidet und besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass ihre architektonische Grundkonzeption konsequent aus der thematischen Ausrichtung der Ausstellung abgeleitet wurde: Das architektonische Konzept sollte der Logik des inhaltlichen Programms entsprechen und dessen Vermittlung dienen. Diese Idee basierte auf einer fundierten Analyse der Ausstellungsarchitektur von bisherigen Landes- und Weltausstellungen; sie schlug in der Folge dieser Entwicklung von grossen Ausstellungspalästen zu kleinen, aneinander gereihten Pavillonbauten nun die Bildung von mehrzellig differenzierten, jedoch thematisch konsistenten Bauwerken vor – so genannte ‚multicellulaires‘. Das die Ausstellung schlussendliche prägende Spiel von Vielfalt und Einheit, von Freiheit und Gebundenheit, zeugt vom eigentlichen Charakter dieses Konzeptes: Es war nicht in erster Linie ästhetisch-formaler, sondern struktureller Natur und wurde neben räumlichen und konstruktiven Aspekten bis auf die vielschichtigen Entstehungsprozesse dieser Ausstellung erweitert.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit des Forschungsprojekts steht nun genau dieses Konzept der ‚multicellulaires‘. Bei der Untersuchung seiner Entwicklung, Umsetzung und Rezeption gilt die Aufmerksamkeit vor allem den vielfältigen Transferprozessen, die sich entlang dieses Querschnittes durch die Expo 64 zeigen. Durch eine analytische Gegenüberstellung von inhaltlichem Programm, architektonischem Konzept, kollektivem Planungsprozess, konkreter Umsetzung und Rezeption der Ausstellung soll die Bedeutung der Konzeption vor dem Hintergrund des zeitgenössischen gesellschaftlichen und architekturhistorischen Kontexts aufgezeigt werden. Neben der Tatsache, dass eine Landesausstellung immer auch ein gesellschaftliches Projekt ist, führt dabei sicher die spezielle – hier vorerst einmal als ‚strukturalistisch‘ bezeichnete – Charakteristik der Idee der ‚multicellulaires‘ zur übergeordneten Frage, ob diese erweiterte, architektonische Konzeption auch ein politisch relevantes Modell darstellte und somit die Architektur der Expo 64 zur Recht als ‚Politische Architektur‘ bezeichnet werden kann.


Laufzeit: seit 2008