Forschungsprojekt
Prof.Dr. Ákos Moravánszky
1. Zielsetzung
Das Publikationsprojekt „Stoffwechsel“ wird neuere Entwicklungen in der Architektur aus einer historischen Perspektive betrachten. Als Ausgangspunkt für die Analyse und Interpretation dient die heutige Aufmerksamkeit für Materialen in der Architektur und der bildenden Kunst. Die Auseinandersetzung mit Gottfried Sempers Stoffwechseltheorie liefert die methodologischen Instrumente, mit denen auch neu entwickelte Werkstoffe und computerunterstützte Produktionsweisen in der Architektur untersucht werden können. Damit können die theoretischen Grundlagen für die zukünftige Forschung und Praxis der Materialisierung der Architektur geschaffen werden.
2. Synopsis
Die so genannte Stoffwechseltheorie ist einer der wichtigsten Bausteine des Theoriegebäudes von Gottfried Semper. Semper war der bedeutendste Architekturtheoretiker des neunzehnten Jahrhunderts, der seine Lehre in ständigem Austausch mit naturwissenschaftlichen Disziplinen entwickelte.
Das Wort Stoffwechsel stammt bekanntlich aus der Biologie, wo es den Austausch der Materialien in der Natur bezeichnet.
Semper suchte die Erklärung für ein Phänomen, das in der Architekturgeschichte seit ihren Anfängen bemerkt und interpretiert wurde: die Übertragung der charakteristischen Formen eines Materials auf einen anderen Stoff. Vitruvius behauptete in seinen „Zehn Büchern“, dass die Formen der Säulen und Gebälke des griechischen Tempels aus dem Holzbau hervorgegangen sind. Imitation, Nachahmung – die alte These von mimesis als Aufgabe der Kunst wird zu oft auf die Darstellung der Wirklichkeit in der Malerei oder Skulptur reduziert, obwohl sie auch in der Architektur allgegenwärtig ist. Winckelmann sprach Mitte des 18. Jahrhunderts statt der Imitation der Natur von der Nachahmung der antiken Kunstwerke selbst, und Quatremère de Quincy schrieb 1823 über imitation als eine nicht kopierende, sondern darstellende Tätigkeit. Die ursprünglichen Typen (die die Natur liefert, auch die hölzerne Urhütte gehört hierher) werden in diesem Prozess der transformierenden Nachahmung zu Artefakten der Kunst.
Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert wurde Nachahmung von vielen Philosophen als allgemeines Prinzip der Künste diskutiert. Mit dem Gedanken, dass Architektur als Kunst das unmittelbare Bedürfnis „abstreifen“ muss, nahm Schelling eine zentrale These Sempers vorweg. Stoffwechsel ist ein Mittel, um Architektur aus den Klammern des im Bedürfnis verankerten, materialgerechten Bauens zu befreien, damit sie zur Baukunst, zur „erstarrten Musik“ , werden kann.
Die These der Nachahmung hat vor allem in der britischen Ethnographie des neunzehnten Jahrhunderts, die einen riesigen Bestand von neuem Material aus den Kolonien bewerten konnte, den Weg geöffnet, um die Entwicklung der Formen von Gebrauchsgegenständen aufgrund darwinistischer Prinzipien zu erklären. Dieses darwinistische Erklärungsmodell hat sich in der Theorie der Kunstgewerbe und Architektur lange gehalten.
Was all diese, populäre oder wissenschaftliche Reflexionen auf das Phänomen des Stoffwechsels gemeinsam haben, ist die negative Konnotation – Nachahmung und Formtransfer auf andere, der Konstruktion „fremde“ Materialen als Täuschung, Ersatz, Unfähigkeit zum Ausbruch aus den Formkonventionen, wenn eine neue Aufgabe doch neue Lösungen erfordern würde. Für Semper war Stoffwechsel jedoch ein Prinzip, das den Objekten Erinnerungsfähigkeit, eine kulturelle Bedeutung gibt, die den Wert ihrer alltägliche Brauchbarkeit bei weitem übertrifft. Die Bedeutung von „Stoff“ als Sujet, also Rohmaterial für das Drama war ihm wichtig, um die Notwendigkeit der künstlerischen Bearbeitung zu betonen. Er wies darauf hin, dass der Erzählstoff, „der zu behandelnde Stoff“ selbst als Schicksal eines Individuums umgestaltet, erhöht, monumentalisiert werden soll um uns als Ausdrücke des allgemein-menschlichen Schönen und Grossen zu berühren.
Die Präsentation des Alltags durch die Umkehrung des Privaten ins Öffentliche gehört zu den Themen von Künstlern wie Gordon Matta Clark, Dan Graham oder Rachel Whiteread. Auch Joseph Beuys’ Kunstkonzept hebt den Unterschied zwischen “kulturelle Arbeit” und “technische Arbeit” auf. Beuys, beeinflusst von Rudolf Steiners Anthroposophie, verband biologische Stoffwechsel mit den Kreisläufen von Energie und Denken.
Der Begriff des Stoffwechsels macht in der Kunst und Architektur etwas sichtbar, das sonst schwer zu erklären ist: die alchimistische Verwandlung zwischen Materialität und Immaterialität. Sempers auf Kontinuität in der Veränderung gerichtetes Denken erlaubt, sein Gewebe auch im Computerzeitalter weiterzustricken. Der einmal in der Chemie entstandene und vielfach übertragene Begriff Stoffwechsel ist also bis heute fähig, etwas in der Wissenschaft, in der Kultur, Kunst und Architektur sichtbar zu machen, das sonst schwer fassbar ist. Es geht um die Idee der Verwandlung und Kontinuität, um ständige Erneuerung, die in der Verschmelzung eines Früheren, bereits Fremden, ein Neues entstehen lässt. In diesem Sinne ist Stoffwechsel ein sehr altes Denkmodell, das aber eine ständige Erneuerung beabsichtigt und ermöglicht.
Prof.Dr. Ákos Moravánszky
1. Zielsetzung
Das Publikationsprojekt „Stoffwechsel“ wird neuere Entwicklungen in der Architektur aus einer historischen Perspektive betrachten. Als Ausgangspunkt für die Analyse und Interpretation dient die heutige Aufmerksamkeit für Materialen in der Architektur und der bildenden Kunst. Die Auseinandersetzung mit Gottfried Sempers Stoffwechseltheorie liefert die methodologischen Instrumente, mit denen auch neu entwickelte Werkstoffe und computerunterstützte Produktionsweisen in der Architektur untersucht werden können. Damit können die theoretischen Grundlagen für die zukünftige Forschung und Praxis der Materialisierung der Architektur geschaffen werden.
2. Synopsis
Die so genannte Stoffwechseltheorie ist einer der wichtigsten Bausteine des Theoriegebäudes von Gottfried Semper. Semper war der bedeutendste Architekturtheoretiker des neunzehnten Jahrhunderts, der seine Lehre in ständigem Austausch mit naturwissenschaftlichen Disziplinen entwickelte.
Das Wort Stoffwechsel stammt bekanntlich aus der Biologie, wo es den Austausch der Materialien in der Natur bezeichnet.
Semper suchte die Erklärung für ein Phänomen, das in der Architekturgeschichte seit ihren Anfängen bemerkt und interpretiert wurde: die Übertragung der charakteristischen Formen eines Materials auf einen anderen Stoff. Vitruvius behauptete in seinen „Zehn Büchern“, dass die Formen der Säulen und Gebälke des griechischen Tempels aus dem Holzbau hervorgegangen sind. Imitation, Nachahmung – die alte These von mimesis als Aufgabe der Kunst wird zu oft auf die Darstellung der Wirklichkeit in der Malerei oder Skulptur reduziert, obwohl sie auch in der Architektur allgegenwärtig ist. Winckelmann sprach Mitte des 18. Jahrhunderts statt der Imitation der Natur von der Nachahmung der antiken Kunstwerke selbst, und Quatremère de Quincy schrieb 1823 über imitation als eine nicht kopierende, sondern darstellende Tätigkeit. Die ursprünglichen Typen (die die Natur liefert, auch die hölzerne Urhütte gehört hierher) werden in diesem Prozess der transformierenden Nachahmung zu Artefakten der Kunst.
Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert wurde Nachahmung von vielen Philosophen als allgemeines Prinzip der Künste diskutiert. Mit dem Gedanken, dass Architektur als Kunst das unmittelbare Bedürfnis „abstreifen“ muss, nahm Schelling eine zentrale These Sempers vorweg. Stoffwechsel ist ein Mittel, um Architektur aus den Klammern des im Bedürfnis verankerten, materialgerechten Bauens zu befreien, damit sie zur Baukunst, zur „erstarrten Musik“ , werden kann.
Die These der Nachahmung hat vor allem in der britischen Ethnographie des neunzehnten Jahrhunderts, die einen riesigen Bestand von neuem Material aus den Kolonien bewerten konnte, den Weg geöffnet, um die Entwicklung der Formen von Gebrauchsgegenständen aufgrund darwinistischer Prinzipien zu erklären. Dieses darwinistische Erklärungsmodell hat sich in der Theorie der Kunstgewerbe und Architektur lange gehalten.
Was all diese, populäre oder wissenschaftliche Reflexionen auf das Phänomen des Stoffwechsels gemeinsam haben, ist die negative Konnotation – Nachahmung und Formtransfer auf andere, der Konstruktion „fremde“ Materialen als Täuschung, Ersatz, Unfähigkeit zum Ausbruch aus den Formkonventionen, wenn eine neue Aufgabe doch neue Lösungen erfordern würde. Für Semper war Stoffwechsel jedoch ein Prinzip, das den Objekten Erinnerungsfähigkeit, eine kulturelle Bedeutung gibt, die den Wert ihrer alltägliche Brauchbarkeit bei weitem übertrifft. Die Bedeutung von „Stoff“ als Sujet, also Rohmaterial für das Drama war ihm wichtig, um die Notwendigkeit der künstlerischen Bearbeitung zu betonen. Er wies darauf hin, dass der Erzählstoff, „der zu behandelnde Stoff“ selbst als Schicksal eines Individuums umgestaltet, erhöht, monumentalisiert werden soll um uns als Ausdrücke des allgemein-menschlichen Schönen und Grossen zu berühren.
Die Präsentation des Alltags durch die Umkehrung des Privaten ins Öffentliche gehört zu den Themen von Künstlern wie Gordon Matta Clark, Dan Graham oder Rachel Whiteread. Auch Joseph Beuys’ Kunstkonzept hebt den Unterschied zwischen “kulturelle Arbeit” und “technische Arbeit” auf. Beuys, beeinflusst von Rudolf Steiners Anthroposophie, verband biologische Stoffwechsel mit den Kreisläufen von Energie und Denken.
Der Begriff des Stoffwechsels macht in der Kunst und Architektur etwas sichtbar, das sonst schwer zu erklären ist: die alchimistische Verwandlung zwischen Materialität und Immaterialität. Sempers auf Kontinuität in der Veränderung gerichtetes Denken erlaubt, sein Gewebe auch im Computerzeitalter weiterzustricken. Der einmal in der Chemie entstandene und vielfach übertragene Begriff Stoffwechsel ist also bis heute fähig, etwas in der Wissenschaft, in der Kultur, Kunst und Architektur sichtbar zu machen, das sonst schwer fassbar ist. Es geht um die Idee der Verwandlung und Kontinuität, um ständige Erneuerung, die in der Verschmelzung eines Früheren, bereits Fremden, ein Neues entstehen lässt. In diesem Sinne ist Stoffwechsel ein sehr altes Denkmodell, das aber eine ständige Erneuerung beabsichtigt und ermöglicht.


