Dissertation
Bautradition, Heimat und Identität im städtebaulichen Diskurs der Nachkriegszeit.

Dissertation
Andreas Kriege-Steffen
Prof. Dr. Vittorio Magnago Lampugnani
 

«Der Wettbewerb für die ‘Gestaltung des Zentrums und des Zentralen Platzes (Altmarkt) und der Ost-West Magistrale’ 1952 in Dresden»

Das Dissertationsprojekt soll anhand der Auswertung eines städtebaulichen Wettbewerbes zeigen, wie die den Begriffen Heimat, Identität und Bautradition inne liegenden Modelle und Wertvorstellungen innerhalb von städtebaulichen Diskursen Anwendung gefunden haben und in Planungen und Entwürfen umgesetzt wurden.

Der Untersuchungszeitraum und -ort für dieses Vorhaben umfasst den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Kontext der Jahre 1945 bis 1955 in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR. In einer Makroperspektive sollen dabei sowohl die medialen Debatten über die Stadtplanungen der DDR im Allgemeinen als auch in einer Mikroebene die medialen und internen Debatten zu den Planungen in Dresden im Speziellen untersucht werden.

Für diese Untersuchung wird der 1952 veranstaltete Wettbewerb für die «Gestaltung des Zentrums und des Zentralen Platzes (Altmarkt) und der Ost-West-Magistrale» in Dresden unter dem Leitbild einer ‘Nationalen Tradition’ und den Sechzehn Grundsätzen des Städtebaus (1950) herangezogen. Er fand gleichzeitig mit drei anderen Wettbewerben für die in der DDR als Aufbaustädte kategorisierten Stadtzentren von Magdeburg, Rostock und Leipzig statt. Gebautes Resultat dieses Wettbewerbes waren die Ost- und Westseite des Altmarktes sowie der östliche Bereich der heutigen Wilsdruffer Strasse nach den Entwürfen der zwei Entwurfskollektive des VEB (Z) Projektierung – Zweigstelle Sachsen unter Leitung von Herbert Schneider (1903–1970) und Johannes Rascher (1904–2006).

Es wird von der These ausgegangen, dass die Begriffe Heimat, Identität und Bautradition den städtebaulichen Diskurs dieser Zeit in der DDR wesentlich prägten und sich dem örtlichen Kontext entsprechend – entgegen der starken politischen Konnotationen der Begriffsinhalte – auf die Architekturpraxis auswirkten.

Für die Aufarbeitung der Planungsvorgeschichte und der Erfassung jeglicher relevanter Akteure und institutionellen Zusammenhänge werden Wettbewerbsbeiträge und Archivalien, welche den Entstehungsprozess der Wettbewerbe und städtebaulichen Planungen dahinter dokumentieren, sowie zeitgenössische Quellen in einer Diskursanalyse gegenübergestellt. In Textvergleichen und -analysen respektive Planvergleichen und -analysen soll dargestellt werden, welche vor 1952 getroffenen Festlegungen auf kommunaler und auf parteipolitischer Ebene in die Wettbewerbsausschreibungen eingeflossen sind und mit welchen Begrifflichkeiten diese Entscheide intern wie auch in den Medien begründet wurden.

Daneben soll als epochenübergreifende Fragestellung nach Kontinuität und Wandel die These geprüft werden, dass der Wettbewerb sowohl einen Start- als auch einen Endpunkt bestimmter städtebaulicher Entwicklungen im Stadtkern von Dresden darstellt. Im Sinne einer Kontinuitätslinie im Städtebau, deren Endpunkt der untersuchte Wettbewerb darstellt, werden dazu Planungen und Bauten im Stadtkern von Dresden ab 1900 bis 1952 auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht. Zugleich leitete dieser Wettbewerb einen Wandel in der zukünftigen Gestaltung des Stadtzentrums ein, der sich stark auf spätere Planungen auswirkte, und der anhand der Auswertung zweier im Anschluss erfolgter Wettbewerbe von 1953 dargestellt werden soll.

Mit der Begriffsanalyse und der Untersuchung der angewendeten städtebaulichen Methoden des Zitats und der Rekonstruktion in diesem Fallbeispiel könnte die Dissertation wichtige Ergebnisse für die aktuellen Debatten der städtischen Denkmalpflege und der Stadtplanung liefern. Speziell die Untersuchung dieses städtebaulichen Projektes aus der zeitlichen Distanz von über 50 Jahren kann aufzeigen, mit welchen Mitteln – von der Öffentlichkeitsarbeit über Publikationen bis zum Gebäude – und auf welchen institutionellen und personellen Ebenen, es der Architektur und dem Städtebau in der Stadt möglich ist, dem Charakter der Stadt entsprechende, urbane Orte zu schaffen.

In einer eingehenden Untersuchung der Planungs- und Bauprozesse dieser Zeit kann innerhalb dieses Forschungsvorhabens exemplarisch das Wirken von lokalen Entscheidungsträgern und -hierarchien sowie ihre Netzwerke im Städtebau von Dresden aufgezeigt werden. Damit kann eine bisherige Forschungslücke zur ostdeutschen Architektur- und Planungsgeschichte wie auch der kommunalen Stadtplanung und der Rolle der Architekten in der DDR geschlossen werden.



Zürich, 22. April 2013


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Andreas Kriege-Steffen