Integrierte Disziplin Architekturtheorie

Integrierte Disziplin Architekturtheorie (051-1214-21)
Veranstalter: Professuren Kaijima und Stalder
Dozierende: Prof. Momoyo Kaijima, Prof. Dr. Laurent Stalder
Ort: Zoom
 



Dieser Kurs wird vom Lehrstuhl für Architekturtheorie als integrierte Disziplin im Design Studio "Tourism Behaviorology in Switzerland" angeboten und kann nur als gemeinsames Paket gebucht werden. Das allgemeine Ziel des Kurses ist es, mögliche Genealogien eines Gebäudes / Quartiers / Ortes im Berner Oberland und dessen grösseres Netzwerk, durch einen Bild-Essay nachzuzeichnen.

Die Aufgabe des ersten Teils des Kurses wird ein kleines Forschungsprojekt über ein bestimmtes Gebäude / Nachbarschaft / Ort in Grindelwald oder Interlaken sein. Dazu wird eine Analyse der architektonischen, technologischen oder kulturellen Merkmale in ihren historischen und aktuellen Formen und in ihrer grösseren Umgebung durchgeführt. Die Forschung erfolgt über zwei verschiedene Herangehensweisen: zum einen über eine Besichtigung vor Ort, zum anderen über eine Sammlung von visuellen Dokumenten, die aus historischen Quellen, Erzählungen, Filmen, Gemälden, historischen Texten, Bildern aus der Werbeindustrie etc. zusammengestellt wird. Die Recherche setzt sich aus den Phasen "Sammeln", "Konstellieren" und "Repräsentieren" zusammen, deren Zwischenprodukte im Rahmen der Tischkritik präsentiert und als Bild-Essay abgegeben werden.
Im Vordergrund der architekturtheoretischen Aufgabenstellung erfüllt der Bild-Essay gleich zwei experimentelle Funktionen: Einerseits ist der Bild-Essay als Zwischenprodukt dieses Prozesses eine Versuchsanordnung und damit Zeugnis eines kritisches Denken mit und in Bildern bzw. mit und in der Kombination von Bild und Text. Andererseits sind die gesammelten Bilder und Argumente Teil einer Vorstudie für den Entwurf einer Akteur-Netzwerk-Zeichnung. Sie sind also ein Mittel im Entscheidungsprozess für ein Produkt und Teil einer experimentellen Praxis.

In der literarischen Tradition verweist der Essay auf eine experimentelle Textform, dies nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sich 'Essay' auf Deutsch als 'Versuch' übersetzen lässt. Dabei geht es nebst der Schreibpraxis in erster Linie um ein kritisches Gedankenexperiment, dass seine Form im geschriebenen Essay findet. Steht das gedankliche Experimentieren im Vordergrund, müsste dies auch über andere Medien stattfinden können. 'Bild-Essay' kann folglich ein kritisches Denken mit und in Bildern, oder aber mit und in der Kombination von Bild und Text bezeichnen.

Überträgt man die literarische Praxis des 'Essays' als 'Bild-Essay' in den visuellen Bereich, findet erstens ein medialer Wechsel von Text zu Bild statt und entsteht zweitens ein intermediales Gefüge aus Text und Bild, dessen Einheiten in einer Relation zueinanderstehen. Die Medialisierung von Gedachtem in Text oder Bild unterliegt jedoch einer je unterschiedlichen medialen Logik. Damit wird deutlich, dass denkend in Sprache oder in Bildern zu experimentieren, nicht das Gleiche bedeuten kann. Während die Rezeption von Bildern ein simultanes Erkennen mehrerer Gegenstände gleichzeitig zulässt, folgt die Lektüre eines Texts entlang der Syntax einer zeitlich linearen Reihenfolge.

Für die Erstellung eines Bild-Essays wird in einem ersten Schritt Bildmaterial – Abbilder von Quellen, Kunstwerken, Skizzen und Objekten – gesammelt, eine Auswahl erstellt und diese in einer Konstellation angeordnet. Konstelliert zeigen die Abbilder zum einen ihren Gegenstand und zum anderen ihre Relation zur Bildsammlung. Die Bilder erfüllen dabei also eine Funktion des Zeigens, wobei der 'Bild-Sinn' aus der Konstellation sichtbar werden kann oder aber auch nicht – es gibt kein Versprechen dafür, dass etwas sichtbar und damit evident wird.

Auf die Konstellierung folgt in einem zweiten Schritt der Text. Betrachtet man einige Bild-Essays aus der Architekturgeschichte und den architektonischen Fachzeitschriften wird deutlich, dass der Text verschiedene Funktionen einnehmen kann: Als Kommentar kann er sowohl den Bildinhalt, aber auch das verbindende Element zwischen den Bildern beschreibend hervorheben. Bestehen Verweise zwischen Bild und Text wird meist ein Argument anhand von Bild- und Textbausteinen entwickelt. Ferner kann der essayistische Text aber auch als eigener Erzählstrang parallel zur Bildstrecke verlaufen.

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Carla Peca