Workshop
Sturm&Drang

Veranstalter: gta Ausstellungen
Datum: Mittwoch, 7. April 2021 bis Freitag, 25. Juni 2021
 


Gespräch mit Sybil Montet, Luigi Alberto Cippini, Fredi Fischli und Niels Olsen

FONDAZIONE PRADA UND GTA AUSSTELLUNGEN PRÄSENTIEREN
«STURM&DRANG»


Das Projekt «Sturm&Drang», das von Luigi Alberto Cippini (Armature Globale), Fredi Fischli und Niels Olsen (gta Ausstellungen) kuratiert wird, erforscht Praktiken, Erfahrungen und Räume der Computer Generated Imagery (CGI). «Sturm&Drang» ist aus einer Zusammenarbeit zwischen der Fondazione Prada und gta Ausstellungen entstanden und besteht aus einer Reihe von Online-Kursen sowie einer Ausstellung in den Räumen des Osservatorio Fondazione Prada in Mailand vom 16. September 2021 bis zum 17. Januar 2022 und anschliessend bei gta Ausstellungen an der ETH Zürich.

CGI bezeichnet die Entwicklung von unbewegten oder animierten visuellen Inhalten mit einer Bildbearbeitungssoftware. CGI wird verwendet, um Bilder und Videos für verschiedenste Anwendungsbereiche zu produzieren wie beispielsweise für Spezialeffekte in Filmen, für Videospiele und Online-Chatrooms, aber auch für die Kriegsführung, die Medizin, das Ingenieurwesen oder die Architektur, die bildenden Kunst, Werbung, Fernsehsendungen sowie Augmented-Reality-(AR) und Virtual-Reality-Applikationen (VR). Begünstigt durch die Covid-Pandemie gewinnt CGI auch durch die sozialen Medien eine wachsende Präsenz im Alltag.

Der Projekttitel «Sturm und Drang» spielt auf eine so bezeichnete Strömung in der deutschen Literatur und Kultur des späten 18. Jahrhunderts an. Er verweist auf die Doppelnatur von CGI, die durch die Fähigkeit, sowohl hyperrealistische als auch fantastische Bilder zu erzeugen, in der Lage ist, atmosphärische Effekte wie Stürme so perfekt zu reproduzieren, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen durch die Täuschung der Wahrnehmung emotional involviert werden.

Die erste Phase des Projekts besteht aus dem Online-Kurs «Sturm&Drang Studio», der für rund 185 Studierende der ETH Zürich angeboten und von den Tutoren Luigi Alberto Cippini, Fredi Fischli und Niels Olsen geleitet wird. Der am 22. Februar 2021 gestartete Kurs «History of Art and Architecture: Exhibiting Architecture», führt in Methoden des Ausstellungsmachens als architektonische Praxis ein. «Sturm&Drang Studio» wurde als kollaborative Plattform für Analyse und Produktion konzipiert und ist das Ergebnis eines Austauschs von Fachwissen zwischen einer Bildungseinrichtung wie der ETH Zürich und einem Kulturzentrum wie der Fondazione Prada.

Über eine Dauer von 3 Monaten kombiniert «Sturm&Drang Studio» Vorträge und Workshops, die sich nur an die im Kurs eingeschriebenen Studierenden richten, mit öffentlichen Veranstaltungen, die vom 7. April 2021 an über den YouTube-Kanal der Fondazione Prada zugänglich sind. An den öffentlichen Treffen werden internationale Gäste aus verschiedenen Bereichen der Kultur und der digitalen Produktion teilnehmen, darunter der Vizepräsident für Forschung der Walt Disney Studios und Direktor der Disney Research|Studios Markus Gross, das französische Studio Artefactory Lab, das auf die Visualisierung von Architektur und Stadt- und Landschaftsprojekten spezialisiert ist, die französischen Künstlerinnen Sybil Montet und Sara Sadik, der Schweizer Künstler Emanuel Rossetti und die New Yorker Künstlerin Meriem Bennani.

Das Hauptziel des Kurses ist, den Studierenden die Möglichkeit zu bieten, in die Dynamik der digitalen Industrie einzutauchen, indem sie deren Komponenten und Arbeitsabläufe nachahmen und sich von der didaktischen Herangehensweise eines üblichen Universitätskurses entfernen, um so eine kritische Analyse der Infrastruktur der digitalen Industrie anzustreben. Im Mittelpunkt von «Sturm&Drang Studio» stehen die folgenden Fragen: Wie werden CGI-Inhalte hergestellt? Wie wird die physische Realität genutzt, um Virtualität zu testen? Wer sind die Programmierer*innen; sind sie Teil einer anonymen Produktionsklasse für visuelle Inhalte? Wie sieht die neue Kultur aus, die sich aus der kontinuierlichen Produktion von Bildern speist?

Der Kurs umfasst Modellierungs- und Rendering-Workshops, um mit den Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Architektur und Technik zu experimentieren und visuelle Inhalte zu schaffen, die in die nachfolgenden Kapitel des «Sturm&Drang»-Projekts einfliessen. Im Rahmen der Vorlesung von Markus Gross haben die Studierenden die Möglichkeit, das Disney Research Laboratory an der ETH Zürich zu besuchen, das innovative technologische Lösungen für viele Filme entwickelt. Die praktischen Übungen werden von einem experimentellen theoretischen Ansatz getragen, der über das etablierte kritische und akademische Modell hinausgeht. Digitale Modellierungs- und Rendering-Fähigkeiten werden derzeit durch praktische Übungen und reale Peer-to-Peer- oder virtuelle Vergleiche sowie durch das Konsultieren von Video-Tutorials, FAQs und Community-Blogs von Programmierer*innen entwickelt. Die einzige verfügbare Literatur zu diesem Thema stellen bisher Software-Handbücher dar, die von Produktionsfirmen vertrieben werden, während die praktischen Fertigkeiten in Form von Online-Videotutorials von Uploadern mündlich vermittelt werden. "Sturm&Drang Studio" erforscht diese Lücken in der Verbreitung von Wissen, die eine immer größer werdende Gemeinschaft von Nutzer*innen betrifft, mit dem Ziel ausgehend von der Transkription von Tutorials und der Analyse von Wortschatz und Struktur, eine Anthologie von Referenzen zusammenzustellen. Neben diesen Transkriptionen umfasst die Bibliographie von «Sturm&Drang Studio» Schlüsseltexte der zeitgenössischen Kulturkritik und emblematische Romane der romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts, um die Mechanismen der emotionalen Involvierung der Benutzer*innen in einem breiten Spektrum zu beleuchten.

Die nächste Phase des Projekts wird in der Ausstellung Sturm&Drang Gestalt annehmen, die vom 16. September 2021 bis zum 17. Januar 2022 im Osservatorio Fondazione Prada in Mailand und später bei gta Ausstellungen zu sehen sein wird. In diesem zweiten Kapitel soll die reale und virtuelle Infrastruktur der CGI-Industrie reflektiert werden. Die Ausstellung konzentriert sich dabei nicht auf das Endprodukt – das fertige Bild – oder auf Kunstwerke, die diese Techniken anwenden, sondern zeigt die Produktionsmethoden hinter dieser mächtigen Bildökonomie. Sie wird einige Environments präsentieren, die vom Studio Armature Globale als Readymade der CGI-Kultur und -Produktion konzipiert wurden: von den literarischen Ursprüngen der virtuellen Kultur zu den Arbeitsräumen der anonymen, antiautoritären Produktionsklasse, die diese Industrie beleben, von der materiellen Realität, mit der Software getestet wird, die die Grenzen zwischen Gaming und Kriegsführung hybrid macht, zur kritischen Zersetzung der populären visuellen Inhalte, die die User-Schulung flankieren.